SAGEN.at >> Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Bergbau und Hüttenwesen

   
 

Die Kunstsammlung Lanckoronski im Palast Hohenems
von Burghart Häfele

„Wie das Wasser, das sich in Dünste wandelt, die dann wieder als Regen zur Erde fallen, setzt sich in allen fortgeschrittenen menschlichen Gemeinwesen Reichtum in Kulturgüter um, die dann wieder Reichtum erzeugen.“ 2)

Graf Karl Anton Lanckoronski-Brzezie

Im Zuge der Lektüre des Buches „Die Abenteuer des Sehens“ des Kunstkritikers Jean-Louis Ferrier stieß ich im Kapitel über den Renaissance-Maler Paolo Uccello 3) im ersten Absatz auf eine Feststellung des Autors, die mich schlagartig in ihren Bann zog. Da stand wörtlich:

„Man hat lange geglaubt, daß Sankt Georg und der Drache, das rätselhafte Bild von Paolo Uccello, das zunächst Bestandteil der Sammlung Lanckoronski war, bei einem Brand auf Schloß Hohenems in Österreich zerstört worden sei. So grenzt es an ein Wunder, wenn das verloren geglaubte und dann wiedergefundene Werk heute in der National Gallery in London zu sehen ist, wo es, nach einer Restaurierung, 1959 Aufnahme fand.“ 4)

BILD VON UCCELLO
Paolo Uccello: Der hl. Georg und der Drache, um 1460, Öl auf Leinwand, 56,5 x 74,3 cm
The National Gallery, London

„Georg sprang auf sein Roß, machte das Kreuz vor sich und ritt gegen den Drachen, der wider ihn kam; er schwang die Lanze mit großer Macht, befahl sich Gott und traf den Drachen also schwer, daß er zu Boden stürzte.“

Jacobus de Voragine, Legenda aurea, 1263/73.

1) Die korrekte Schreibweise im Polnischen lautet: Lanckoroński. Zur Vereinfachung wurden im Folgenden alle polnischen Eigennamen ohne Akzente (Betonungszeichen) geschrieben.
2) Lanckoronski-Brzezie, Karl Anton: Unschätzbare Werte. Die Zukunft unseres Kunstgutes von Viennensis. Wien 1919, 13.
3) Paolo Uccello, weniger bekannt unter dem Namen Paolo di Dono (1397-1475). Zu seinen herausragenden Gemälden, wobei besonders die Perspektive hervorzuheben ist, gehören neben dem oben angeführten Bild die drei Gemälde über „Die Schlacht von San Romano in den Uffizien in Florenz und der National Gallery in London sowie die Fresken „Die Erschaffung der Tiere, Adams und Evas und der Sündenfall“ in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz. Vgl. dazu: das Kapitel über Paolo Uccello in: Beck, James H.: Malerei der italienischen Renaissance. Köln 1999 (ital. Ausgabe Florenz 1999), 84-91. Uccello hat in seinen Gemälden und Zeichnungen oft Tiere dargestellt, was schließlich seinen Namen begründete (ital. uccello, Vogel). Vgl. dazu: Uccello. In: Die große Enzyklopädie der Malerei. Hg. von Hermann Bauer. Bd. 8. Spa-Zur, Notnamen. Freiburg / Basel / Wien, 2739-2742, hier 2741.
4) Ferrier, Jean-Louis: Die Abenteuer des Sehens. Eine Kunstgeschichte in 30 Bildern. München / Zürich 1998 (Titel der Originalausgabe von 1996: „Les Aventures du Regard“), 39.


Folglich stellte ich mir die fast kriminalistische Aufgabe zu ergründen, was genau diese Sammlung war und in welchem Schloss von Hohenems sie aufbewahrt beziehungsweise zwischengelagert worden war, da im Prinzip neben dem Palast, der unter der Bezeichnung Schloss am naheliegendsten war, auch Neu-Ems, also der „Glopper“ als ehemaliges Kunstdepot in Frage kam.

Am Palmsonntag, den 13.04.2003 am Morgen konnte ich durch Zufall Graf Franz Josef Waldburg-Zeil in Hohenems beim Palast antreffen. 5) Es schien mir eine gute Gelegenheit ihn zur Sammlung zu befragen. Nach seiner Auskunft war Graf Lanckoronski, der einem polnischen Adelsgeschlecht entstammte, ein fanatischer Kunstsammler gewesen, der seine Sammlung in Kisten im oberen Stock des Palastes gelagert hatte und alleine einen Schlüssel zu diesen Räumlichkeiten besaß. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so erzählte Graf Waldburg-Zeil weiter, sei es dann zu einem Brand gekommen, weil ein Kohlenofen überhitzte, sodass große Teile der Kunstsammlung verbrannten. Die verkohlten Überreste seien noch lange im Palastgarten gelegen. Eine Inventarliste habe es nach seiner Erinnerung aber nicht gegeben, auch keine Fotos davon. Einzelne Rahmen aus der Sammlung seien heute aber noch im Dachboden des Palastes verwahrt. Später seien die unversehrten Teile der Sammlung, soweit er dies noch wisse, über Liechtenstein ins Ausland geschafft worden. Einzelne Bilder aus der Sammlung seien dann sogar beim Auktionshaus Christie’s in London wieder aufgetaucht. Auf Nachfrage erklärte der Graf noch, dass die Familie Waldburg-Zeil keine verwandtschaftlichen Bande zur Adelsfamilie Lanckoronski habe. 6)

Über meinen Vater 7) konnte ich folglich in Erfahrung bringen, dass Wilfried Ruch aus Nenzing zum Brandfall im gräflichen Palast ein guter Zeitzeuge sein könnte, da er lange Jahre in Hohenems als gräflicher Förster gearbeitet hatte 8). Daraufhin interviewte ich Wilfried Ruch am 20.06.2003. Ruch konnte sich an das damalige Schadensfeuer im Palast noch erstaunlich gut erinnern. Damals habe ein Passant laut gerufen „Do domma brennt’s!“, weshalb er aufgewacht sei und dann gesehen habe, dass im gräflichen Palast ein Brand sei. Er sei sofort in seine Hose geschlüpft und dann gegen 5 Uhr früh mit dem Rad von seinem damaligen Wohnort im Gasthaus „Krone“ (jetzt Buchhandlung Märk) in der Marktstraße zum Palast gefahren. Man habe den Feuerschein schon von Weitem gesehen. Der Brand habe ihm damals einen Mords-Schrecken eingejagt. Ruch wusste auch spontan das Datum des Brandes, der um den 27./ 28. März 1950 gewesen sei 9). Die Hauptagenden im gräflichen Schloss habe damals der aus Deutschland stammende Baron Kapher 10) unter sich gehabt, bei dem sich Ruch bei seinem Berufsantritt vorstellen habe müssen. Dieser Baron, der damals sein Domizil im „Schloss Glopper“ hatte, sei im Volksmund vor allem in Holzerkreisen als „Holzschuh-Glopper“ bekannt gewesen. Der Baron Kapher sei am Brandtag bereits vor ihm im Palast gewesen und sei oben im Gang des Palastes gestanden. Ruch habe nach dem Eintreffen im Palast dann nach dem Baron gerufen und dieser sei bereits vollständig angezogen gewesen, was Ruch in der Aufregung doch einigermaßen verwundert habe. Auch glaube er sich zu erinnern, dass bereits Licht im Palast war, als Ruch dort nach dem Baron rief. Dann sei Ruch wieder vom Palast weg. Kurz danach sei bereits die Feuerwehr Hohenems zum Brandort angerückt. Wie Ruch dann anführte, kam ihm infolge des Brandes in den Sinn, dass er am Vorabend noch bemerkt hatte, dass der Kohlenofen in der Verwaltung sehr stark eingeheizt worden sei. Zugang hätten damals zum Ofen alle Palastbediensteten gehabt, insbesondere Baron Kapher und seine Angestellte Frau Thurnher. Dieser Aspekt sei ihm am nächsten Tag verdächtig vorgekommen. Als man später behauptet habe, dass es ein Kaminbrand gewesen sei, habe er diese Darstellung angezweifelt. Wie Ruch weiter erzählte, hatte Kapher in der Folgezeit nach dem Schadensfeuer im gräflichen Palast Bekanntschaft mit einem Zollbeamten und war öfters in der Schweiz. Diese Umstände erschienen irgendwie verdächtig. Graf Lanckoronski selbst habe trotz des Ereignisses nie über die Kunstgegenstände in den Holzkisten gesprochen. Ruch habe als junger Förster nur einmal mitbekommen, dass Lanckoronski zur Zeit des Brandes irgendwo bei Graz in der Steiermark lebte, wo er noch mehr Kunstbesitz hatte. Allgemein sei lediglich bekannt gewesen, dass dieser Graf einem reichen polnischen Adelsgeschlecht entstammte 11). Nachdem Baron Kapher dann nicht mehr in den Diensten der Gräfin stand, war sein Nachfolger in Hohenems als Verwalter Hans Mailath-Pokorny. Später habe Mailath-Pokorny eine Lebensgeschichte verfasst und dieses Buch mit dem Titel „Briefe an seine Söhne“ ihm einmal geschenkt 12).

5) Hier danke ich Graf Franz Josef Waldburg-Zeil für sein freundliches Entgegenkommen und seine offene Erzählweise.
6) Basierend auf einem Gedankenprotokoll des Verfassers über ein persönliches Gespräch mit Graf Franz Josef Waldburg-Zeil am 13.04.2003 gegen 08.30 Uhr.
7) Goswin Häfele
8) Wilfried Ruch wird auch von Priscilla Waldburg-Zeil in ihren Erinnerung erwähnt. Vgl. dazu: Dies.: Der Palast von Hohenems – Licht und Schatten. Aus der Familiengeschichte Waldburg-Zeil-Hohenems und Schönborn-Wiesentheid. Györ o. J. [2004], 239.
9) Dies blieb Wilfried Ruch in so guter Erinnerung, da er in diesem Jahr die Staatsprüfung als Förster abgelegt hatte. 1948 war er nach eigenen Angaben nach Hohenems gekommen.
10) Weder Priscilla Waldburg-Zeil noch Ruch nannten den Vornamen von Baron Kapher. Ruch gab beim Interview an, dass er ihm immer nur als „Baron Kapher“ bekannt war.
11) Basierend auf einem Tonbandinterview mit Wilfried Ruch am 20.06.2003 in seinem Haus in Nenzing.
12) Ruch dürfte folgendes Buch gemeint haben: Mailath, Pokorny, Hans: Briefe an seine Söhne. Schriftwechsel für die Jugend und die Eltern. Coburg 1951.

BILD VON WILFRIED RUCH

Die lebhafte Schilderung Ruchs enthält ein Detail, das auffällt. So sei Baron Kapher bereits vor ihm im Palast gewesen und war bereits angezogen. Dieser Umstand deckt sich frappant mit den Erinnerungen der Gräfin Priscilla Waldburg-Zeil. So habe in den letzten Kriegstagen Graf „Tonio Lanckoronsky“ (Antonio Lanckoronski) die Tante Caroline (Gräfin Waldburg-Zeil, geb. Gräfin Wolkenstein) gebeten, ob er Teile seines wertvollen polnischen Besitzes wie Bilder, Tapisserien, Möbel, Skulpturen etc. zum Schutz vor den Kriegswirren retten und im Palast einlagern dürfe 13). Die Gräfin habe die Bitte bewilligt und folglich lagerte Graf Anton Lanckoronski für zehn Jahre seine Sammlung verpackt in Kisten in etwa fünf großen Räumen im Palast. Jährlich habe der Graf nach dem Rechten gesehen und habe nicht einmal die neuen Hauseigentümer Waldburg-Zeil in die Räumlichkeiten hinein gelassen. Als dann die gräfliche Familie verreist war, sei im Palast „eines Morgens 1947 [dieses Datum muss als widerlegt erachtet werden] um vier Uhr ein Feuer ausgebrochen [...], das eine vorübergehende Frühschichtarbeiterin aufgeregt der Polizei“ 14) gemeldet habe. Es sei dann der Baron Kapher, der Verwalter der Gräfin verständigt worden. Bis dahin waren aber bereits zwei Hunde an Rauchgasvergiftung verendet 15). Nun schildert Priscilla Waldburg-Zeil jene Umstände, die ihr suspekt vorkamen:

„Merkwürdigerweise – so wurde uns berichtet – war Kapher um vier Uhr morgens noch wach und angezogen und eilte sofort in den Palast. Die Feuerwehr Hohenems kam gerade noch rechtzeitig, bevor der Dachstuhl voll in Brand stand und rettete das Gebäude vor der völligen Zerstörung. [...] Einige angebrannte große vergoldete Bilderrahmen und Reste der Gegenstände ließ Kapher unverzüglich aus den Fenster[n] werfen, von den Ölgemälden war jedoch nicht zu sehen. So kam bald der Verdacht auf, dass eine Brandlegung die Ursache sein musste, was mir der Kaminkehrer in einem Gespräch Jahre später als gegeben bestätigte. Vorgetäuscht wurde ein Kaminbrand.“ 16)

13) Vgl. Waldburg-Zeil, Priscilla: Der Palast von Hohenems - Licht und Schatten. Aus der Familiengeschichte Waldburg-Zeil Hohenems und Schönborn-Wiesentheid. Györ o. J. [2004], 421-422.
14) Waldburg-Zeil, Priscilla: Der Palast von Hohenems - Licht und Schatten. Aus der Familiengeschichte Waldburg-Zeil Hohenems und Schönborn-Wiesentheid. Györ o. J. [2004], 422.
15) Der Tod der Hunde der alten Gräfin bezeugte auch Siegfried Ruch im Interview, nach seiner Erinnerung waren es zwei Collie-Hunde und man habe später gesagt, sie seien an Rauchgasvergiftung eingegangen.
16) Waldburg-Zeil, Priscilla: Der Palast von Hohenems - Licht und Schatten. Aus der Familiengeschichte Waldburg-Zeil Hohenems und Schönborn-Wiesentheid. Györ o. J. [2004], 422.

Da Graf Franz Josef Waldburg-Zeil und Wilfried Ruch erwähnt hatten, dass die Sammlung Lanckoronski im Palast fast einem Brand zum Opfer gefallen wäre, erschien mir als nächster Schritt naheliegend in der Brandchronik der Feuerwehr Hohenems nachzusehen, damit das genaue Datum des Brandes gesichert war. Dort fand ich dann auch die Eintragung, dass am 28.03.1950 im gräflichen Palast Hohenems ein Großfeuer war 17). Auch die Chronik des Gendarmeriepostens Hohenems (jetzt Polizeiinspektion Hohenems) erschien mir als Quelle aufschlussreich. Dort fand sich aber nicht der kleinste Eintrag 18). Wie ich aber in Erfahrung bringen konnte, war neben dem damaligen Gendarmerieposten auch die damalige Brandermittlung der Erhebungsabteilung 19) des Landesgendarmeriekommandos für Vorarlberg (jetzt Landespolizeikommando) mit Ermittlungen betraut. Über meinen Vater und andere pensionierte Gendarmen gelang es mir den damaligen Brandermittler Alois („Luis“) Gasser in Hard zum damaligen Fall zu befragen. Nach seiner Einschätzung sei im Palast mit Sicherheit der Ofen der Ausgangspunkt des Brandes gewesen. Die ursprüngliche Ausgangsstelle des Feuers sei demnach ein so genannter „schleifbarer“ Kamin gewesen, was heißt, dass er begehbar war. Dieser Kamin habe sich im Rittersaal des Hohenemser Palastes befunden. Von dort habe der Brand eindeutig seinen Ursprung genommen. Das Feuer habe damals einen enormen Schaden angerichtet und die Versicherung sei skeptisch gewesen, besonders weil eine Decke mit massiven Holzquadern Stand gehalten habe. Dies sei aber nicht ungewöhnlich, denn Holz habe im Gegensatz zu beispielsweise Stahlträgern eine enorme Standkraft bei großer Hitzeentwicklung. Auch sei ein Versicherungs-Sachverständiger von Innsbruck beigezogen worden, der Gassers These bestätigt habe 20). Im Kamin seien die Kohlenpechniederschläge nicht mehr vorhanden gewesen, was ein untrügliches Zeichen dafür sei, dass der Ausgang des Feuers eindeutig der Kamin war. Solche Kohlenpechniederschläge verursachen bei Verbrennung eine schlagartige Rauchgasentwicklung. Im Palast sei aber nur ein Raum durch das Feuer zerstört worden, die Räumlichkeiten darum herum seien wegen des Brandes nur in Mitleidenschaft gezogen worden. Die spätere Behauptung, dass Kunstgegenstände im Millionenwert verbrannt seien, sei eine maßlose Übertreibung der damaligen Reporter gewesen. Gasser habe zum Brandereignis einen Bericht von vier Seiten verfasst, der dann der Anzeige des Gendarmeriepostens Hohenems beigefügt worden sei und an die Staatsanwaltschaft Feldkirch erging 21). Da Gasser die Presse angesprochen hatte, machte ich mich im Stadtmuseum Dornbirn auf die Suche nach der damaligen Zeitungsmeldung. In den „Vorarlberger Nachrichten“ vom 29.03.1950 fanden sich dann auch folgende zwei Artikel zum Brand im gräflichen Palast, die an dieser Stelle zur besseren Veranschaulichung zur Gänze wiedergegeben werden sollen:

Erstmeldung:

Hohenems, 28. März (VLK) Brand im gräflichen Palast. Heute 4.30 Uhr früh brach im vorderen Trakt des gräflichen Palastes vermutlich infolge eines schadhaften Kamines Feuer aus, dem die Einrichtung eines im zweiten Stockwerk gelegenen Saales und eine Anzahl dort eingelagerter Kunstgegenstände von noch nicht abschätzbarem Wert zum Opfer fielen. Durch das rasche Eingreifen der Feuerwehr Hohenems konnte weiterer Schaden, vor allem ein Übergreifen des Feuers auf den Dachstuhl verhindert werden. Die Höhe des durch Feuer und Löschwasser verursachten Schadens ist noch nicht festgestellt, dürfte aber nur zum Teil durch Versicherung gedeckt sein.“ 22)

Vollständiger Bericht:

„Brand im Schloß Hohenems. Unersetzliche Kunstwerke vernichtet

Am Dienstag um 5 Uhr morgens wurde plötzlich die Ortsfeuerwehr Hohenems durch die Sirene alarmiert, weil aus den Fenstern eines über dem Hauptportal des gräflichen Palastes im zweiten Stock gelegenen Zimmers dichte Rauchwolken hervorbrachen. In wenigen Minuten traf die Freiw. Feuerwehr Hohenems unter ihrem Kommandanten Karl Amann mit der Abteilung Emsreute am Brandplatz ein und begann mit den Löscharbeiten. Die Bewältigung des Zimmerbrandes war deshalb schwierig, weil in der Holz- und Kohlenablage des Kapellmeisters Wilhelm Stärk im Erdgeschoß, der auch im Schlosse wohnt, gleichfalls das Brennmaterial Feuer gefangen hatte. Seltsam war dabei, daß im ersten, also zwischen den Brandstellen gelegenen Stockwerk überhaupt kein Feuerschein sichtbar wurde. Daraus war erkennbar, daß ein schadhafter Kamin an zwei Stellen gleichzeitig, nämlich im 2. Stock und im Erdgeschoß den Brand verursacht hatte.

Der Löschaktion gelang es bis 7 Uhr, das Feuer einzudämmen und bis nachmittags um 14 Uhr auch die letzte Glut zu ersticken. Besonders wirksam erwies sich die Maßnahme, in das Dach ein Loch zu brechen, damit die Abgase entweichen und die Feuerwehrmänner nicht mehr gefährden konnten. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, daß der Brand nicht größere Ausmaße annahm und das Schloß gerettet wurde.

Nach einem Lokalaugenschein der Behörden wurde die Brandursache rekonstruiert. Der betreffende Kamin dürfte einen Riß gehabt haben, der letzlich [sic] die Holzwolle, die sich zwischen dem in die Wand eingemauerten Kamin und einem Wandgemälde befand, zum Glühen gebracht hat. Bis diese Glut zum offenen Brand führte, sind allerdings mehrere Tage vergangen. (...) [unleserliches Wort] brach im sogenannten Rotkreuzsaale aus, wo sich nicht nur das altertümliche Mobiliar, sondern auch eine Reihe von Kisten mit dem Gut des aus dem Sudetenland hierher geflüchteten Grafen Lanckoronski befanden. In diesen Kisten waren, sorgsam verpackt, sehr wertvolle Gemälde, Plastiken, Teppiche, Möbelstücke und seltene Bücher, die zusammen einen Wert von vielen Millionen S[chilling] ausmachten, wobei der Sammlerwert eigentlich noch viel höher liegt. Von diesen Kunstschätzen wurde nur ein kleiner Teil gerettet; das meiste ist verbrannt oder stark beschädigt worden. Ein merkwürdiger Zufall wollte es, daß aus dem Nebenraum vor einigen Tagen die umfangreiche Bodenseebibliothek abtransportiert worden war und eine Kiste sogar noch vor dem Portal auf den Spediteur gewartet hat. Dieser Nebenraum ist gleichfalls durch das Feuer hergenommen worden, doch sind hier die Schäden ziemlich leicht. Abgesehen von diesem Kunstgut wurde ein Sachschaden verursacht, der überschlägig auf 200.000 S[schilling] geschätzt worden ist.“ 23)

17) Festschrift zum Landesfeuerwehrfest – 100 Jahre freiwillige Feuerwehr Hohenems 20.-22. Juni 1969, Brandstatistik von Hohenems seit 1871, 58.
18) Hier danke ich Günther Manahl und Wilhelm Nagelschmied der Polizeiinspektion Hohenems für ihre freundliche Auskunft.
19) Später als Kriminalabteilung und heute als Landeskriminalamt bezeichnet.
20) Wie Gasser sich erinnerte, habe es sich beim damaligen Sachverständigen um den Schwiegersohn des damaligen Glockengießers Grassmayr aus Innsbruck gehandelt.
21) Bei der Polizeiinspektion Hohenems ist der Akt aufgrund der Skartierung nicht mehr existent. Aus dem selben Grund dürfte der Akt auch beim Landeskriminalamt nicht mehr aufliegen. Eine Anfrage des Verfassers beim Landesgericht Feldkirch / Präsidialkanzlei am 11.09.2006 ergab jedoch, dass die Anzeige zum Brandfall möglicherweise noch dort im Archiv liegt. Diesbezüglich wird der Verfasser noch weiter recherchieren und positivenfalls das Ergebnis nachliefern.
22) Zeitungskurzmeldung in den Vorarlberger Nachrichten, Nr. 73, 6. Jg., vom Mittwoch, den 29.03.1950, 4. Die Hervorhebung des Ortsnamens wurde aus dem Original übernommen. Auf Mikrofilm gesichtet am 27.02.2004 im Stadtmuseum Dornbirn.
23) Zeitungsartikel „Brand im Schloß Hohenems – unersetzliche Kunstwerke vernichtet“ in den  Vorarlberger Nachrichten, Nr. 73, 6. Jg., vom Mittwoch, den 29.03.1950, 2. Auf Mikrofilm gesichtet am 27.02.2004 im Stadtmuseum Dornbirn.

Je mehr über die Kunstsammlung des polnischen Grafen Lanckoronski durch Zeitzeugen in Erfahrung gebracht werden konnte, desto mehr kristallisierte sich heraus, dass offenbar sehr darauf geachtet wurde, dass von der Ein- bzw. Zwischenlagerung der Kunstgegenstände im Palast Hohenems so wenig wie möglich nach außen drang. Dies erscheint durchaus nachvollziehbar, da die Kunstsammlung Lanckoronski in der NS-Zeit unter der Begründung angeblicher „Staatsfeindlichkeit“ des polnischen Eigentümers Graf Anton Lanckoronski von der Geheimen Staatspolizei in Wien beschlagnahmt wurde. So soll sich Graf Anton Lackoronski „vor Kriegsausbruch aus dem Reichsgebiet nach Polen begeben“ haben. 24)

24) Vgl. Brückler, Theodor: Kunstwerke zwischen Kunstraub und Kunstbergung: 1938-1945, 13-30.  In: ders. (Hg.): Kunstraub, Kunstbergung und Restitution in Österreich 1938 bis heute. Wien/Köln/Weimar 1999 (Studien zu Denkmalschutz und Denkmalpflege, Bd. XIX, hg. von Bundesdenkmalamt / Univ. Prof. Dr. Ernst Bacher), 17 und zum Originaldokument: Ebenda, Kapitel Quellendokumentation unter Beschlagnahmungen, 94-155, 125.


Wer war nun dieser Graf Anton Lanckoronski (1883-1965) und vor allem welche Kunstgegenstände machten seine Sammlung aus?

Der Stammbaum des polnischen Adelsgeschlechtes der Lanckoronski von Brzez geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. In der Zeit der Adelsrepublik in Polen nahmen Vertreter des Geschlechtes aktiv am politischen Leben Teil. In der Galerie der Würden und Funktionen finden sich neben einem geistlichen Würdenträger auch Wojewoden 25), Kastellanen, Starosten 26) sowie ein General und ein Feldherr 27).

25) Slawischer Adelsrang unterhalb eines Fürsten, in Polen seit dem späten Mittelalter bis heute Bezeichnung für den obersten Chef eines Verwaltungsbezirkes genannt Wojewodschaft, auf deutsch etwa Herzogtum.
26) Starost ist ein ursprünglich slawischer Titel des mittleren polnischen Adels, vergleichbar mit Freiherr. In bezug auf eine Stadt heute meist eine Bezeichnung für beispielsweise Bürgermeister.
27) Cynarski, S.: Dzieje rodu Lanckoronskich z Brzezia od XIV do XVIII wieku, Warszawa-Krakow 1996. Zitiert nach: Kalinowski, Lech u. Orman, Elzbieta: Nachwort, 277-283. In: Lanckoronska, Karolina: Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939-1945,  277.

BILD DER FAMILIE LANCKORONSKI

Graf Karl Anton Lanckoronski-Brzezie (1848-1933), der Vater von Graf Anton Lanckoronski, entstammte dieser Adelsdynastie. Er war „über ein halbes Jahrhundert lang die Galionsfigur der Wiener Polen“ 28) und verwandtschaftlich mit dem halben Hochadel Europas verbunden. In Wien der österreichisch-ungarischen Monarchie studierte er Kunstgeschichte und avancierte zu einem der berühmtesten Kunstsammler. Aufgrund des familiären Reichtums musste er keinen Beruf ausüben und konnte sich nur seinen Hobbys und Steckenpferden widmen. So war er Weltreisender 29), Kunstmäzen und Denkmalpfleger und verfasste mehrere Werke zur Kunstgeschichte Wiens 30), so beispielsweise seine Schriften „Zur Rettung Alt-Wiens“, „Unschätzbare Werte. Die Zukunft unseres Kunstgutes von Viennensis“ aus dem Jahr 1919 oder „Künstler und Kunsthistoriker. Einiges über Wiener und andere Museum von einem alten Kunstliebhaber“ aus dem Jahr 1924. Er förderte die Maler Hans Makart und Arnold Böcklin und trug durch seine leidenschaftlich betriebene Kunstkennerschaft eine erlesene Privatsammlung zusammen, sodass sie schließlich zu einer „der prächtigsten privaten Kunstgalerien in Wien“ 31) zählte 32).

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich wurden die Kunstgegenstände der jüdischen Bevölkerung rücksichtslos enteignet. Darunter zählten auch Kunstgegenstände so genannter „’sonstiger Reichsfeinde’, zu denen auch Adelige wie der polnische Graf Lanckoronski zählten“. So nahm es nicht Wunder, dass auch die verschiedensten Kunstgegenstände aus dem Palais Lanckoronski in Wien von der Gestapo beschlagnahmt und dann in Kisten zum weiteren Transport verpackt wurden. Darunter befanden sich wertvolle Bestände der Galerie des Grafen Anton Lanckoronski, zu der unter anderem Gemälde von Rembrandt, van Goyen, Feuerbach, Böcklin und Thomas gehörten 33). Insgesamt betrug die Anzahl jener Kunstgegenstände, die die SS in Wien am 17. Oktober 1939 aus dem Bestand der Sammlung Lanckoronski beschlagnahmte, die fast unglaubliche Anzahl von 1.965 erlesenen Kunstwerken 34). Auch andere Sammlungen fanden auf diesem Wege Eingang in die so genannte „Führersammlung“, so unter anderem der nach der Reichskristallnacht vom 09. November 1938 erbeutete Besitz der jüdischen Sammlung von Baron Rothschild mit Werken von Van Dyck, Tintoretto oder Rembrandt. Andere enteignete Sammlungen waren jene von Bondy, Gutmann und Goldmann 35). Ausgewählte Stücke aus der Sammlung sollten nach dem Plan Hitlers dem geplanten „Führer-Museum“ in Linz einverleibt werden. Hitler selbst ließ anfangs verkünden, dass die Sammlung Lanckoronski seiner alleinigen Verfügung unterliege 36). Zur Sammlung Lanckoronski existiert ein Aktenvermerk der Reichskanzlei vom 17.3 und 14.71943. Dabei teilte Major Reetz von der Sonderabteilung Altreich der Haupttreuhandstelle Ost 37) das Folgende mit:

„Aus der Sammlung Lanckoronski seien entnommen:
a) ein Gemälde von Botticelli. Dieser Botticelli sei aus der Sammlung von Dienststellen des Reichsmarschalls zum Schätzpreis von 25 000 RM gekauft und dem Reichsmarschall zum Geburtstag geschenkt worden;
b) ein Gemälde von Rudolf v. Alt, einem Meister, für den der Führer besonderes Interesse habe. Dieses Gemälde beabsichtige der Reichsmarschall dem Führer, vermutlich zum 20. April 1943, zu schenken;
c) ein weiteres Bild von Rudolf v. Alt, das dem Gauleiter [Albert F.] Forster auf seine Bitte überlassen worden sei. [...]
Der Führer werde voraussichtlich nur an wenigen Stücken Interesse haben. Der Reichsmarschall werde vermutlich die beiden Rembrandts (Schätzwert je 500 000 RM) für sich erwerben wollen. Es sei dringend erwünscht, die Sammlung bald aufzulösen, da der gegenwärtige Aufbewahrungsort nicht bombensicher sei und das Gebäude von Reichsstellen benötigt werde.“ 38)

Nach dem Krieg sollten die Amerikaner in den Stollen des Salzberges von Ischl – damals im NS-Jargon „Bergdepot des Reiches“ genannt – während des Nazi-Regimes zusammengeraubte Kunstgegenstände, darunter Tausende von Gemälde aus den Sammlungen Bondy und Lanckoronski, wiederauffinden 39). Was für eine große Anzahl von Kunstgegenständen am Ende des Krieges ausgelagert wurden, verdeutlicht jener Umstand, dass Deutschland und Österreich zu jener Zeit zusammen 1.800 solcher Depots hatten 40).

28) Grieser, Dietmar: Eine Liebe in Wien. 10. Aufl. St. Pölten / Wien / Linz 2003, 84.
29) Unter anderem machte Karl Lanckoronski Bildungsreisen nach Japan, Indien und Nordamerika und verfasste umfangreiche Tagebücher dazu, die er später veröffentlichte. Vgl. dazu: Vorwort von Max Dvorak. In:  Ausgewählte Kunstwerke der Sammlung Lanckoronski. Festschrift für Karl Lanckoronski zu seinem siebzigsten Geburtstag von Freunden und Verehrern. Wien 1918, 1-14, hier 5.
30) Vgl. Grieser, Dietmar: Eine Liebe in Wien. 10. Aufl. St. Pölten / Wien / Linz 2003, 84.
31) R. Taborski: Polacy w Wiedniu, Wroclaw-Warzawa-Krakow 1992. Zitiert nach: Kalinowski, Lech u. Orman, Elzbieta: Nachwort, 277-283. In: Lanckoronska, Karolina: Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939-1945. Wien / Köln / Weimar 2003,  278.
32) Zum ehemaligen Umfang der Sammlung siehe beispielsweise: Ausgewählte Kunstwerke der Sammlung Lanckoronski. Festschrift für Karl Lanckoronski zu seinem siebzigsten Geburtstag von Freunden und Verehrern. Mit einem Vorwort von Max Dvorak. Wien 1918.
33) Vgl. Wermusch, Günter: Tatumstände (un)bekannt. Kunstraub unter den Augen der Aliierten. Braunschweig 1991, 10.
34) Vgl. Wermusch, Günter: Tatumstände (un)bekannt. Kunstraub unter den Augen der Aliierten. Braunschweig 1991, 10-11. Nach einer anderen Quelle waren es 1695 Kunstwerke. Vgl. dazu: Heiber, Beatrice u. Heiber, Helmut (Hgg.): Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches. 3.Aufl. dtv-dokumente. München 1995, 367, Fußnote 2.
35) Hammer, Katharina: Glanz im Dunkel. Die Bergung von Kunstschätzen im Salzkammergut am Ende des 2. Weltkrieges. 2., bearb. u. erweiterte Aufl. Wien 1990, 30.
36) Heiber, Beatrice u. Heiber, Helmut (Hgg.): Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches. 3.Aufl. dtv-dokumente. München 1995, Seite 367, Fußnote 3.
37) Die „HTO“ war 1939 von Reichsmarschall Göring zur Verwaltung beschlagnahmten Privat- und Staatseigentums in Polen geschaffen worden. Siehe dazu: Heiber, Beatrice u. Heiber, Helmut (Hgg.): Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches. 3.Aufl. dtv-dokumente. München 1995, 367, Fußnote 1.
38) Heiber, Beatrice u. Heiber, Helmut (Hgg.): Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches. 3.Aufl. dtv-dokumente. München 1995, 367-368.
39) Hammer, Katharina: Glanz im Dunkel. Die Bergung von Kunstschätzen im Salzkammergut am Ende des 2. Weltkrieges. 2., bearb. u. erweiterte Aufl. Wien 1990, 111-112.
40) Vgl. Wermusch, Günter: Tatumstände (un)bekannt. Kunstraub unter den Augen der Aliierten. Braunschweig 1991, 57.


BILD DES PALAIS LANCKORONSKI IN WIEN

Bild des ehemals prachtvollen Palais Lanckoronski in dreigeschossigem neobarockem Stil. 1944 wurde der Prachtbau durch Fliegerbomben schwer beschädigt und nach dem Krieg geplündert und sogar in Brand gesteckt. 1950 wurde die Ruine des Palais abgetragen. Heute befindet sich an dieser Adresse Jacquingasse 15 in Wien ein modernes Gebäude des Schweizer Pharma-Konzerns Hoffmann La Roche. 41)

Im Geheimen war dann 1939 die Kunstsammlung des Grafen Lanckoronski von der SS aus Wien über eine unbekannte Route in diverse Depots gebracht worden. Darunter waren die niederösterreichischen Schlösser Thürntal 42) (bei Kremsmünster) und Steiersberg (bei Wiener-Neustadt). Diese beiden Depots sollten neben Kunstgegenständen auch Bücher beherbergen 43). Dennoch muss es nach dem Krieg Graf Anton Lanckoronski gelungen sein, Teile seiner Sammlung zu retten beziehungsweise wiederzuerlangen, und sie im Palast Hohenems in Kisten einzulagern. Dabei dürfte für Graf Lanckoronski eine Rolle gespielt haben, dass der Palast auch in der Kriegszeit ein bewährtes Kunstlagerdepot war. Denn es waren viele Bestände des Vorarlberger Landesmuseums bereits im Zeitraum von September 1943 bis April 1944 in die Räume des Palastes von Hohenems verbracht worden, so etwa Täfelungen, Epitaphien [Grabplatten oder Gedenksteine zur Erinnerung an Verstorbene], Gemälde sowie vor allem Plastiken 44). 1945 sollte sogar die Sammlung des Fürsten von Liechtenstein in Hohenems untergebracht werden, da der Renaissancepalast weniger feuergefährlich erschein als die Schattenburg in Feldkirch. Dies scheitere jedoch am Widerstand des damaligen Hohenemser Bürgermeisters Josef Wolfgang 45), der sich auf das Feldkircher Kreisamt berief, das ihm die Anweisung gegeben hatte, eine Einlagerung im Palast oder anderswo nicht zu gestatten 46).

Nachdem dann die Sammlung durch den Brand fast zerstört worden war und einzelne Kunstgüter auch tatsächlich verbrannt waren, lagerte Graf Lackoronski sukzessive den Rest seiner Kunstsammlung aus dem Palast in Hohenems aus. Wie die Kunstgegenstände dann aus der Sammlung weiter ihren Weg nahmen, ist bis heute im Dunkeln. Jedoch deutete Graf Franz Josef Waldburg-Zeil an, dass Liechtenstein eine Station der Sammlung gewesen sein könnte. Hier kommt zum Tragen, dass die Schweiz und Liechtenstein in den Nachkriegstagen bevorzugte Depot- und Verkaufsplätze für Kunstsammlungen waren, obwohl die Ausfuhr von herausragenden Kunstgegenständen damals einer Genehmigung des Bundesdenkmalamtes bedurfte 47). Bis heute ist der genaue Weg der Sammlung Lanckoronski unklar. Teile der Sammlung konnte Karla Lanckoronska (1889-2002) 48), die Schwester von Graf Anton Lanckoronski, nach dem Zweiten Weltkrieg auf mühsame Weise wieder auffinden. Ihr war es vergönnt, nach einem außergewöhnlichen Leidensweg in der NS-Zeit in ihrer polnischen Heimat, Teile der großartigen Sammlung ihres Vaters wiederzuerlangen, so auch aus Hohenems von ihrem Bruder. Nach ihrem Tod in Rom vermachte sie ihre gesamte ererbte Kunstsammlung des Vaters, darunter die bedeutende Gemäldesammlung, dem polnischen Staat 49). „Auf diese Weise gelangten Hunderte von Kunstwerken, darunter Bilder von Rembrandt und Gemälde der italienischen Renaissance sowie eine Sammlung von Zeichnungen Jacek Malczewskis, an die königlichen Schlösser in Krakau und Warschau.“ 50)

So weit der Weg der Sammlung des Grafen Anton Lanckoronski vom Palais in Wien über Hohenems (mit Zwischenstation möglicherweise in die Schweiz 51) beziehungsweise Liechtenstein) nach London oder Polen nachgezeichnet werden kann, so unklar ist bis heute, was genau für Kunstgegenstände in Hohenems im Palast in diesen geheimnisvollen Holzkisten gelagert waren.

Ist es denkbar, dass bei uns im Ort kurzzeitig so bekannte Namen wie ein Rembrandt oder ein Pieter Brueghel zu Gast waren?

Der „Kriminalfall Lanckoronski“ ist jedenfalls noch nicht abgeschlossen. Wenn man die einzelnen Indizien betrachtet, so verstärkt sich jedenfalls der Verdacht, dass bei diesem Brand im Palast nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Es bekräftigt sich nach Erachten des Verfassers jene Version des Brandherganges, die Priscilla Waldburg-Zeil in ihrem Buch angeführt hat: „Brandlegung, um die Gemälde ohne Aufsehen außer Landes zu bringen.“ 52) Die Gräfin führt dann auch eindrücklich an, was Graf Lanckoronski für eine Reaktion zeigte, als sie ihn auf diesen Sachverhalt aufmerksam machte:

„Anlässlich des Besuches von Graf Lanckoronsky ein Jahr nach unserem Einzug, als ich ihn zu einer Tasse Tee bei uns überredete, sprach ich ihn auf diese Geschichte an. Leicht errötend blockte er dieses Thema und die Frage [...] ab. Er bezichtigte im Gegenzug unsere Tante der fahrlässigen Kaminpflege und Tat den Zusammenhang des Brandes und das Wiederauftauchen seiner Bilder in London als Unsinn ab.“ 53)

Denkbar ist aber auch, dass Baron Kapher eine nicht unwichtige Rolle im Fall gespielt hat. Hier sind vor allem die Aussagen von Ruch bemerkenswert, der mehrmals im Interview bekräftigte, dass ihm dubios vorgekommen sei, dass Kapher bereits Licht in seinem Raum hatte und angezogen war. Jedoch sollen in diesem Aufsatz keinesfalls voreilige Schlüsse gezogen werden. Natürlich ist auch die Variante mit einer fahrlässigen Überhitzung des Kohlenofens und einem daraus resultierenden Kaminbrand denkbar, wie sie der ehemalige Brandermittler Gasser verfolgt hat. Hier können vielleicht zukünftige Untersuchungen mehr Klarheit bringen, die der vorliegende Artikel mit anregen will.

Übrigens wird Graf Anton Lackoronski 54), bis heute als sehr integerer Mann geltend, mit anderen verdienstvollen Personen wie den Rothschilds als Förderer des Kunsthistorischen Museums Wien in der dortigen Eingangshalle aufgeführt, obwohl einzelne der Genannten „[...] nach 1945 genötigt worden waren, das Museum zu beschenken, um andere Kunstwerke ausführen zu können.“ 55) Dass damals Gemälde aus dem Besitz Lanckoronskis wie vieler anderer Privatsammler durch unlautere Umstände in Österreich zurückblieben, blieb lange unbeachtet. Erst die letzten Jahre 56) war dies Gegenstand einer Provenienzforschung an der Österreichischen Galerie Belvedere, wo neben der angeführten Kunstsammlung von Graf Lanckoronski noch etwa vierzig weitere jüdische Sammlungen auf möglicherweise bedenkliche Erwerbungen geprüft und Dossiers für die Behandlung im Rückgabebeirat des Bildungsministeriums angefertigt wurden 57). In Vorarlberg wurde am 16.12.2003 ein Regierungsbeschluss zur Kunstrestitution gefasst. 58)

Die Sammlung hat eine solche Bedeutung für Polen, dass inzwischen bereits eine polnische Delegation Hohenems besucht hat, um näheres zu erfahren. 59)
Inzwischen gibt es sogar in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia eine Seite über Graf Karl Anton Lanckoronski-(Brzezie) und seine Sammlung, wobei auf dieser Internetseite „Schloss Hohenems“ als einstiger Aufbewahrungsort der Sammlung aufscheint. 60)

Schlussendlich bleibt aufgrund des zunehmenden Interesses an der Kunstsammlung Lanckoronski die Gewissheit, dass Hohenems einmal Hort einer großartigen Sammlung von Kunstschätzen war, deren genaue Anzahl und Zusammenstellung noch der Aufdeckung harrt.

Für ergänzende Hinweise zur Kunstsammlung Lanckoronski bittet der Autor um Kontakt:
burghart.haefele(at)cable.vol.at

41) Vgl. http://www.planet-vienna.com/spots/Palais/lanckoronski/lanckoronski.htm (Stand: 03.09.2006)
42) Zum Schloss Thürntal als NS-Depot siehe auch im Internet: http://www.schlossthuernthal.at (Stand: 08.09.2006)
43) Vgl. Wermusch, Günter: Tatumstände (un)bekannt. Kunstraub unter den Augen der Aliierten. Braunschweig 1991, 57.
44) Vgl. Trapp, Oswald: Die Kunstdenkmäler Tirols in Not und Gefahr. Bericht des Landeskonservators über die Geschehnisse in den Jahren 1938-1945. Innsbruck / Wien 1947, 66.
45) Josef Wolfgang war in Hohenems Bürgermeister von 1938-1945. Vgl. dazu: Graber, Josef: Die politische Geschichte. In: Marktgemeinde Hohenems (Hg.): Hohenems Kultur. Dornbirn 1978, 113-158, hier 148-149 u. Anhang 157. Wolfgang wurde am 17. Mai 1945 durch die französische Besatzungsbehörde seines Amtes enthoben.
46) Vgl. Wilhelm, Gustav: Der Weg der Liechtenstein-Galerie von Wien nach Vaduz. Hg. von Johann Kräftner. München / Berlin / London / New York 2005, 68.
47) Gemeint ist das so genannte „Ausfuhrverbotsgesetz“. Vgl. Waldburg-Zeil, Priscilla: Der Palast von Hohenems – Licht und Schatten. Aus der Familiengeschichte Waldburg-Zeil-Hohenems und Schönborn-Wiesentheid. Györ o. J. [2004], 423. Objekte aus Beschlagnahmungen und „Arisierungen“ fanden bereits von 1941 bis 1943 in die Schweiz. Die Schweiz war gerade in der Krisenzeit des Zweiten Weltkriegs  an identitätsstiftenden Kulturgütern interessiert, so beispielsweise Bilder von Künstlerin wie Ferdinand Hodler oder Giovanni Segantini. In der Zeit unmittelbar nach 1945 restituierte die Schweiz 70 Bilder und Zeichnungen. Ab den 1990er Jahren kam es zu einzelnen Rückstellungen. Hier hat die Schweiz noch Nachholbedarf. Vgl. dazu: Francini, Esther Tisa: Berlin, Wien, Paris: Zentren des internationalen Kunstmarkts und die Beziehungen zur Schweiz 1933-1945. In: Anderl, Gabriele u. Caruso, Alexandra (Hgg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen. Innsbruck / Wien / Bozen 2005,  227-234, hier 233.
48) Vgl. Lanckoronska, Karolina: Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939-1945, Wien / Köln / Weimar 2003.
49) Lanckoronski, Stanisław Lubomirski: Nachwort zur deutschen Ausgabe. In: Lanckoronska, Karolina: Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939-1945. Wien / Köln / Weimar 2003, 286.
50) Lanckoronski, Stanisław Lubomirski: Nachwort zur deutschen Ausgabe. In: Lanckoronska, Karolina: Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939-1945, Wien / Köln / Weimar 2003,  286.
An dieser Stelle wird auf eine abgeschlossene Diplomarbeit am Institut für Denkmalkunde und Konservierung der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Thorn / Polen hingewiesen: Anna Feliks, Hrabia Karol z Brzezia Lanckoronski i jego kolekcja wloskich obrazów w wiedenskim palacu przy Jacquingasse 18 (Graf Karol v. Brzezie Lanckoronski und seine Sammlung italienischer Gemälde im Wiener Palais, Jacquingasse 18). Weiters sei hier auf die Lackoronski-Galerie im Königsschloss Warschau und dem Lanckoronski-Zimmer im Schloss Wawel in Krakau verwiesen. Auch Priscilla Waldburg-Zeil weist auf dieses Zimmer hin. Vgl. dazu: Dies.: Der Palast von Hohenems – Licht und Schatten. Aus der Familiengeschichte Waldburg-Zeil-Hohenems und Schönborn-Wiesentheid. Györ o. J. [2004], 423. An dieser Stelle wird darauf verweisen, dass am 14. Mai 2003 Mag. Joanna Winiewicz-Wolska aus Krakau den Vortrag zum Thema „Aus der Geschichte der Wiener Sammlung Lanckoronski“ am Kunsthistorischen Institut in Wien hielt, dessen Inhalt nach Wissen des Verfassers bis heute leider nicht publiziert wurde.
51) Bis heute ist die Schweiz Drehscheibe des illegalen Kunsthandels. Dies begründet die „milde“ Gesetzgebung in unserem Nachbarland im Bezug auf den „grauen Markt“ des Kunsthandels. Vgl. dazu: Wermusch, Günter: Tatumstände (un)bekannt. Kunstraub unter den Augen der Aliierten. Braunschweig 1991, 327.
52) Der Palast von Hohenems – Licht und Schatten. Aus der Familiengeschichte Waldburg-Zeil-Hohenems und Schönborn-Wiesentheid. Györ o. J. [2004], 423.
53) Waldburg-Zeil, Priscilla: Der Palast von Hohenems – Licht und Schatten. Aus der Familiengeschichte Waldburg-Zeil-Hohenems und Schönborn-Wiesentheid. Györ o. J. [2004], 423. Im Buch wird Lanckoronski immer mit y geschrieben, der Grund dafür ist unbekannt.
54) Graf Anton Lanckoronski starb 1965 in Wien. Sein Grab ist in Wien auf dem Hietzinger Friedhof, wo er in der Familiengruft beigesetzt wurde. Vgl. dazu: Grieser, Dietmar: Eine Liebe in Wien. 10. Aufl. St. Pölten / Wien / Linz 2003, 92
55) Czernin, Hubertus: Vorwort. In: Anderl, Gabriele u. Alexandra Caruso (Hgg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen. Innsbruck / Wien / Bozen 2005,  7-9, hier 9.
56) Monika Mayer hielt den Vortrag zur Provenienzforschung zum ersten Mal 2003 und publizierte ihn in modifierter Form im folgenden Artikel: Dies.: Bruno Grimschitz und die Österreichische Galerie 1938-1945. Eine biographische Annäherung im Kontext der aktuellen Provenienzforschung. In: Anderl, Gabriele u. Alexandra Caruso (Hgg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen. Innsbruck / Wien / Bozen 2005, 59-79. Vgl. ebenda, 72, Fußnote 1.
57) Vgl. Mayer, Monika: Bruno Grimschitz und die Österreichische Galerie 1938-1945. Eine biographische Annäherung im Kontext der aktuellen Provenienzforschung. In: Anderl, Gabriele u. Alexandra Caruso (Hgg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen. Innsbruck / Wien / Bozen 2005, 59-79, hier 71.
58) Antrag der Abteilung Regierungsdienste, Zl. PrsP-480.26. Vgl. Zechner, Ingo: Zweifelhaftes Eigentum. Fußnoten zur Kunstrestitution in Österreich. In: Anderl, Gabriele u. Alexandra Caruso (Hgg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen. Innsbruck / Wien / Bozen 2005, 235-245, hier 243 u. 246, Fußnote 42.
59) Dieser Hinweis beruht auf einer vertraulichen Quelle (Name dem Verfasser bekannt). Der genaue Zeitpunkt des polnischen Besuches in Hohenems und die Zusammenstellung der Delegation ist dem Verfasser unbekannt.
60) Siehe dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Graf_Lanckoronski (Stand: 30.08.2006)

Erstveröffentlichung: Burghart Häfele: Die Kunstsammlung Lanckoronski im Palast Hohenems. In: emser almanach no. 14. 7. Jahrgang. Bucher-Druck Hohenems 2006, 54-70. (=Schriftenreihe des Kulturkreises Hohenems, Beiträge zu Hohenemser Themen). ISBN 3-902525-46-0

© Burghart Häfele 2006/2008, www.SAGEN.at