Frühsommer.

Der Sommer tritt in den Alpen in der Regel plötzlich ein. Es geht demselben nämlich gewöhnlich ein kühler und nasser Mai voraus, der den allmählichen Übergang verdeckt, und den der Feld- und Weinbauer gern sieht:

Mai kühl und naß,
Füllt dem Bauern Scheune und Faß.

Hingegen soll der Juni warm sein, denn er braucht ihn zum Heuen. Wenige Tage heißen Sonnenscheins genügen, um den durchweichten Boden zu trocknen und den Rückstand, den die Kornsaaten und andere Früchte durch die vorangehende nasse Witterung erlitten haben, wieder auszugleichen. Darum sagt auch der Bauernspruch:

Der Bracher (Juni)
Bringt Alles nachher,

das heißt: ist das Wachstum im Mai auch noch so zurück, der Juni holt Alles nach. Und so ist es auch in regelrechten Jahren. - Der Juni ist der schönste Sommermonat. Freilich brennt die Sonne glühend herab, aber die Bäume haben ihre vollen Blätterkronen bekommen, die grünen Saaten wogen im Windhauch und die Wiesen sind zum buntfarbigen Teppich geworden. Tritt dann noch hie und da ein warmer Regen ein, der die brüchige Scholle wieder befeuchtet, so darf man sich nicht wundern, wenn der Bauer, der Sonntags nach dem Gottesdienst seine Felder besichtigt, mit schmunzelnder Miene zum Nachbar sagt: "Nun, Heuer könnt' sich's machen." Am schönsten nehmen sich die blühenden Flachsfelder aus, die sich wie blaue Bänder vom Wiesengrün abheben. Von den Berghöhen aber, wo die Alpenmähder und Almen liegen, leuchtet es so verlockend hellgrün herab, daß es einen förmlich hinaufzieht. Begreiflich, da oben ist erst der Frühling angebrochen, wenn er im Tale gewichen. Wie schön sagt Hermann v. Gilm:

Und der Lenz im Thale verblüht so schnell.
Laß' immer ihn unten verwelken,
Hoch oben gibt's Primeln am schattigen Quell
Und Rosen und brennende Nelken,
Weicht unten der Frühling dem reifenden Halm,
Zieht er mit der klingenden Heerde [Herde] zur Alm
Auf unseren ewigen Bergen.

Dieser "Aufzug zur Alpe" ist einer der wichtigsten Abschnitte des bäuerlichen Jahres. Mitte Juni treibt man nämlich das Vieh zur Alm und ein Teil des Gesindes zieht mit. So tritt eine geteilte Wirtschaft ein, die man nicht nur am großen Eßtisch in der Stubenecke merkt, sondern auch an dem ganzen Aussehen des Dorfes. Die Bäuerin, die sonst die größte Pfanne zum Muß-(Brei)kochen hernahm, braucht jetzt nur eine kleinere und am Dorfbrunnen, der sonst beim abendlichen Tränken vom Vieh ganz umstellt war, haben die paar "Heimkühe", die zurückbleiben mußten, Platz genug und brauchen sich nicht mehr um das Vorrecht zur Tränke die Hörner zu zerstoßen.

So ein Alpenaufzug ist stets ein Fest, ebenso für die betreffenden Bauern, wie für das ganze Dorf. Wenn der Zug der Rinder mit den schweren, dumpfhallenden "Klumpern" durch die Dorfgasse zieht, voran der Senner mit dem Bergstock und der "Kraxe" auf dem Rücken, hinterdrein der Stier mit den Ketten, dann läuft wohl Alles, Groß und Klein, aus den Häusern und schaut sich die Glücklichen an, die nun zur luftigen Höhe hinaufziehen dürfen. Vorerst treibt man das Vieh nur auf die Asten oder Voralpen und verbleibt daselbst einige Zeit, später zieht man auf die Nieder- und endlich im Hochsommer auf die Hochleger. Die Postverbindung mit den im Tale zurückgebliebenen übernimmt meist der "Geißer", der mit seiner meckernden Herde jeden Morgen zur Höhe hinauf und Abends wieder herabsteigt. Er bringt den Almleuten Bescheid, was sich unterdessen im Dorfe Neues ereignet habe, und anderseits erfährt Bauer und Bäuerin durch ihn, wie es mit "Vieh und Leuten" auf der Alm bestellt sei. Daneben ist er der verschwiegene postillon d'amour für Knecht und Dirn, falls es nicht der glückliche Zufall will, daß sich beide Verliebte gleichzeitig auf der Alm befinden. Über dieses Almleben, das ich als Studentlein nach allen Licht- und Schattenseiten selbst kennen gelernt habe, will ich dem freundlichen Leser ein andermal ausführlich erzählen. Für heute bleiben wir im Dorf unten, denn auch da gibt es Manches anzuschauen in Feld und Haus.

Den Zurückgebliebenen liegt vor Allem die Obsorge über die Felder an. Ist auch die Hauptarbeit, wie wir oben hörten, bereits im "Langes" (Lenz) geschehen, so läßt doch der liebe Himmel, dessen Wetterlaunen man durch unterschiedliche Bittgänge und Wetterämter stets günstig zu erhalten sucht, den Menschen noch Manches zu tun übrig, wie ein Blick auf Korn- und Türkenäcker ersichtlich macht. Der böse Feind, welcher bereits im Evangelium das garstige Geschäft des Unkrautsäens übernommen, hat mit lobenswerter Emsigkeit gearbeitet. Neben und zwischen den jungen Maispflanzen macht sich der Weiße Gänsefuß breit, auch Lungenkraut, Schachtelhalm, Wegerich und wie diese Blumenkinder alle heißen, haben sich gewissenhaft eingestellt und eingenistet. Diese gilt es nun mit der Haue, einem schaufelähnlichen, aber vorn am Rand gebogenen und am Stiel rechtwinklig angesetzten Werkzeug, aus den Zeilen und Furchen herauszuhacken. Meist wird auch jedes zweite Pflänzchen "herausgesteckt". Man nennt dieses ermüdende Geschäft das "Türkenpecken". Das auf diese Weise aus dem Boden gehackte Unkraut bleibt in der Regel liegen, um in der Junihitze zu verdorren. Einige Zeit darauf kommt, wenn günstige Witterung die Pflanzen ziemlich hoch gemacht, das "Türkenhäufeln" an die Reihe. Dazu braucht man den Pflug, der aber vorn mit einem kleinen Rade versehen ist, das genau in der Mitte zwischen zwei Pflanzenzeilen zu gehen hat. Die Pflugschaar wühlt nun die Erde auf und legt sie nach rechts und links von den Pflanzen, so daß nach getaner Arbeit die Maispflanzen in kleine Längenhügel (Haufen) gesenkt erscheinen. Die Tiefe der Furchen wird bestimmt durch die Lage des Ackers, ob Sonn- oder Schattenseite, ob Aufeld oder Leite, weiters durch die Dicke der Schicht Fruchterde. Bei sog. "Queräckern", bei denen man mit dem Pflug schwer zukommen, bzw. "wenden" kann, wird mit der Haue "gehäufelt". Ein merkwürdiger Brauch herrscht diesbezüglich auf der Schattenseite des oberen Drautals. Da spornen die reicheren Bauern die jungen Burschen zum - Raufen an, damit der "Türken" gedeihe. Auf ähnliche Weise wie der Mais werden auch die Erdäpfel "gehäufelt", nur mit dem Unterschied, daß diese vorher nicht "gepeckt" oder gejätet zu werden brauchen, da diese nicht zarte Pflanze vom Unkraut weniger heimgesucht wird und überhaupt davon weniger Schaden zu befürchten hat. Außer diesen Arbeiten nimmt noch das Jäten der Weizenfelder von den zudringlichen Wicken und anderem Unkraut einige Zeit in Anspruch. Damit ist die Frühsommerarbeit draußen getan. Die Hauptmühe, nämlich die Einbringung des Heues und Kornes, fällt später.

Wenn nun die Witterung günstig ist, kann der Bauer die Weiterentwicklung von Heu und Feldfrüchten getrost sich selbst überlassen, bis die Einbringung erfolgt. Schlimmer ist es, wenn im Frühsommer, also im Juni, anhaltend schlechtes Wetter eintritt. Der Bauer achtet deshalb mit prüfendem Blick auf die Wetterzeichen und vor Allem die Loostage. In dieser Beziehung sind ihm besonders Medardus (8. Juni), der Margarethentag (10. Juni) und der ebenfalls um diese Zeit herum fallende Dreifaltigkeitssonntag maßgebend. Er weiß gut: "Vor Medardi naß, gibt viel Gras", aber er weiß auch, daß, wenn es um Medardi Regen gibt, dieser dann vierzig Tage anhält und ihm die Heuernte unmöglich macht. Der gefürchtete Heilige führt deshalb allwärts einen Ehrentitel, den ich mit "Heunässer" wiedergeben will. Nicht geringeren "Respekt" hat man vor der ein paar Tage darauf folgenden "nassen Gret", die ebenfalls ein schmeichelhaftes epitheton ornans führt. Üeberhaupt gilt die "Margarethenwoche" als die unheilvollste des ganzen Jahres, während welcher man besonders Acht haben muß, daß kein Unglück geschieht, so im Pustertal und Virgental. - Auch die "weinende Magdalena" und der Dreifaltigkeitssonntag sind solche Regenmacher; regnet es an letzterem Tage, so regnet es sechs oder zwölf Sonntage hintereinander.

Diese genannten Loostage sind dem Bauern vorzüglich wegen der Heuernte von Wichtigkeit; daneben hat er wieder dutzend andere, die ihm für Hochgewitter und Hagelschlag maßgebend sind, mithin die Mais- und Kornsaat, in Südtirol die Reben berühren. Dahin gehört der "Peter- und Paulstag" (29. Juni), Maria Heimsuchung (2. Juli) etc., wo man Haselzweige schneiden und in den Kamin als Abwehr gegen den Blitz stecken soll. Alle diese Heilige - Oswald, den gewaltigen Ifinger Wetterherrn nicht zu vergessen - genießen wegen ihrer Beziehung zum Gewitter große Achtung und werden durch Prozessionen und Errichtung von Wetterkapellen verehrt. Solche sind z. B. die Oswaldkapelle auf dem Ifingerjoch bei Meran, die St. Vigilikirche über Marling, das Helenenkirchlein über St. Pankraz in Ulten, St. Kathrein in der Scharten bei Hafling und vor allen die Ursulakapelle von Platt im Pfeldersertal. Von ihnen sagt der Volksmund:

St. Ursula auf der Platt,
St. Kathrein in der Schart
Und Vigil aufm Joch
Halten alle Wetter auf
Und treiben die Hexen in's Loch.

Und in der Tat, wenn man sieht, wie der Reichtum des Bauern schutzlos im Freien ruht, nur überwölbt vom blauen Himmelsdach, dann begreift man, wie er mit Bangen unheilschwangeres Wettergewölk am Bergjoch heranziehen sieht, das seine schwellende Hoffnung mit einem Schlag vernichten kann. Dann begreift man aber auch, wie er mit gläubigem Herzen altererbte, vielfach noch aus der Heidenzeit stammende Mittel anwendet, um die drohende Gefahr abzuwenden. Dazu gehört in erster Linie das noch allgemein gebräuchliche Wetterläuten und Wetterschießen. Letzteres ist mehr in den östlichen Alpengegenden üblich, ersteres in den westlichen.

Das "Wetterschießen" geschieht von eigenen Wettertürmen aus, bei gefährlich gelegenen Berghöhen brennt wohl auch der Bauer vor seiner Scheune die Flinte mit dem geweihten Pulver in die Luft ab. Beim "Wetterläuten" ist es nicht gleichgiltig, mit welcher Glocke man lautet. Gewöhnlich befindet sich bei iedem größeren "G'läut" eine sog. Wetterglocke, meist die älteste aus allen. Sie ist der Schutzgeist der Gemeinde bei drohendem Gewitter, der Schrecken der den Hagel machenden Wetterhexen. Wie erfolgreich so eine Glocke die schädlichen Hexen bekämpft, und wie verhaßt in Folge dessen ihr Klang den letzteren ist, erhellt am besten daraus, daß der untere Rand solcher Wetterglocken von den Bissen der ergrimmten Hexen oft ganz ausgezackt ist. Merkwürdig sind die Namen, welche das Volk solchen hilfreichen Wetterbannerinnen gibt. So heißt die alte große Glocke in Brixen (Brixenthal) der "Stier", die Glocke auf der hohen Salve das "Hündl", die Glocke zu Itter die "Katze". Die berühmte von Peter Löffler anno 1503 gegossene Schwazer Glocke nennt das Volk den "Schwazer Besen".

Von diesen heißt es auch:

Wenn der Schwazer Besen kehrt
Und der Brixner Stier plärrt
Und das Salvenhündel lallt (bellt),
Aft (dann) haben die Wetter kein G'walt.

Auch die "Heidin" in Alpach, um die sich ein ganzer Mythus von ihrer wunderbaren Auffindung durch einen Hirten angelehnt hat, und die uralte Hexenglocke von Wald in Oberpinzgau erfreuen sich eines weitverbreiteten Rufes. Viele derselben sind durch eigene Inschriften aufgezeichnet. So steht auf der Wetterglocke von St. Pauls (Südtirol):

Anna Maria heiß' ich,
Alle Wetter weiß ich,
Alle Wetter vertreib' ich,
In St. Pauls bleib' ich.

Die letzte Zeile bezieht sich auf eine Volksüberlieferung, nach welcher man diese Glocke einmal an einen anderen Ort versetzen wollte, aber nicht konnte, weil dieselbe über Nacht stets wieder nach St. Pauls mit obengenanntem Rufe zurückkehrte. Wie nun nicht jeder Glocke die gleich gute Kraft innewohnt, die Wetter zu vertreiben, .so gilt dem Volke auch nicht jeder Geistliche als "wetterg'recht". In dieser Beziehung genießen in Tirol besonders die Kapuziner und Franziskaner einen großen Ruf. Nach ersteren benennt sich das "Kapuzinerpulver", welches die sorgsame Bäuerin bei heranziehendem Gewitter nebst Dreißgenkräutern, Palmkatzeln und Charsamstagkohlen [Karsamstagkohlen] in die Glut wirft. Der geweihte Rauch, der durch den Kamin steigt, beißt die Hexen in die Augen, so daß sie mit ihren Besen allsogleich Kehrt machen und die Flucht ergreifen. Man sieht schon aus alledem, daß man diesen Unholdinnen auf alle nur erdenkliche Weise an den Leib rückt.

Die Gewitter im Hochgebirge, besonders die nächtlichen, haben etwas dämonisch Furchtbares, und man darf daher nicht mitleidig lächeln, wenn das Volk diese Naturerscheinung mit ihren Schrecken auf den Einfluß böser Mächte zurückführt. Der orkanartige Sturm, der sie heulend begleitet und die Gehöfte zittern macht, die grellen Blitze, der von der Talenge hundertfach zurückgeworfene rollende Donner, vor allem aber die häufig im Gefolge auftretenden Schauerstürze und Wolkenbrüche, welche den Wildbach entfesseln und schreckliche Muhrbrüche verursachen, lassen oft den armen Älpler die ganze Armseligkeit seines irdischen Daseins fühlen. Fährt nun gar noch ein böser Blitzstrahl zündend in ein Gehöft, das mit seinem Holzbau und seinen Futtervorräten der gefräßigen Flamme sofort Nahrung gibt, so ist der arme Mann, der am Abend vorher vielleicht noch glücklich auf der Hausbank im Heimgarten saß, über Nacht ein halber Bettler, und dies um so leichter, als sein Heim leider selten versichert ist und er lieber zu alten, vom Ahn ererbten Zaubermitteln, statt zum Blitzableiter und zur Versicherungsanstalt seine Zuflucht nimmt.

Quelle: Ludwig von Hörmann, Das Tiroler Bauernjahr, Jahreszeiten in den Alpen, Innsbruck 1899, S. 35 - 44.
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