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Das karelische Wunder – Kishi
© Oksana Fedotova

Das karelische Wunder – Kishi, Teil 1
Das karelische Wunder – Kishi, Teil 2
Das karelische Wunder – Kishi, Teil 3

 

Das russische Dorf - gibt es das noch? Ein richtiges russisches Dorf, wo nachts die Fenster nicht blau sind vom Licht der Fernseher, wo kein Öl in den Pfützen schwimmt. Ein Dorf, das noch sauber ist und still, und das Leben geht im Takt der Jahrhunderte? Nein, das gibt es nicht mehr. Doch, das russische Dorf gibt es noch. Und zwar auf einer Insel im Onegasee. Kishi heißt die Insel…
Andreas Christoph Schmidt

 

Kishi © Oksana Fedotova

Kishi

Das staatliche historisch-architektonische ethnographische Museum Kishi war eines der ersten Freilichtmuseen in Russland. Seine Entstehungsgeschichte begann schon in den 1940-er Jahren mit der Restaurierung des architektonischen Ensembles des Kishi-Kirchhofes 1) Den heutigen Namen hat das Museum 1966 bekommen.

Das Freilichtmuseum Kishi befindet sich auf der gleichnamigen Insel im Onegasee, 68 km weit von der Hauptstadt Kareliens Petrosawodsk entfernt. Es ist im Sommer mit einem Tragflügelschiff (1 Stunde 15 Minuten von Petrosawodsk) zu erreichen. Nach Kishi kommen auch Kreuzfahrtschiffe aus Petersburg und Moskau.

 Tragflügelschiff am Liegeplatz Kishi © Oksana Fedotova

Das Tragflügelschiff am Liegeplatz Kishi

Karelien so wie der ganze Norden Russlands ist reich an Wäldern. Das bedingte eine breite Entwicklung von Holzbau in diesen Regionen. Heutzutage sind auf Kishi 87 Denkmäler der Holzbaukunst des 14.-20. Jahrhunderts gesammelt, wobei viele davon aus anderen oft weit liegenden und schwer zugänglichen Gegenden Kareliens hier gebracht wurden. Das sind nicht nur Kirchenbauten, sondern Bauernhäuser, Scheunen, Wind- und Wassermühlen, Badehäuser.

Das Museum besitzt noch eine umfangreiche Sammlung der Gegenstände, die die materielle Kultur der Karelen, Wepsen 2) und Russen charakterisieren, dazu kommen alte von Hand geschriebene Bücher, Ikonen, Glocken. Außerdem gehört dem Museum eine der reichsten Sammlungen von Zeichnungen und Fotonegativen aus den 1940-er-1980-er Jahren, das sind Ergebnisse der Untersuchungen der russischen Holzbaudenkmäler, viele von denen schon längst nicht mehr existieren.

Alle Bauten auf der Insel bilden ein einheitliches und harmonisches Ensemble.

In den Wohnräumen einiger Bauernhäuser wurden Innenausstattungen rekonstruiert, dort befinden sich Ausstellungen und Expositionen, die mit der traditionellen Kultur und dem Alltagsleben der Völker Kareliens am Ende des 19.-Anfang des 20.Jh bekannt machen.

So steht z.B. das Jakowlew-Haus für die Besucher offen. Es gehörte dem Bauer Jakowlew und stammt aus dem karelischen Dorf Kleschtschelja. 

 Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Das Jakowlew-Haus. 80-er-90-er Jahre des 19.Jh., 1966-1969 restauriert

Das Haus wurde aus Kiefernholz gebaut und ist ein für den russischen Norden typischer Einhof, in dem die Wohn- und Wirtschaftsteile unter einem Dach zusammengebracht sind. Innere Ausstattung und Holzornamente, mit denen das Haus verziert ist, sind für die Bauernhäuser des Südkareliens typisch. 

 

 Jakowlew-Haus, Balkon, Kishi © Oksana Fedotova

Das Jakowlew-Haus, Balkon

 

Jakowlew-Haus, Freitreppe, Kishi © Oksana Fedotova

Das Jakowlew-Haus, Freitreppe

 

Jakowlew-Haus, Fenster, Kishi © Oksana Fedotova

Das Jakowlew-Haus, Fenster

Die Dorfeinwohner waren nicht reich und führten ein einfaches Leben, die innere Ausstattung der Wohnräume spricht dafür. Hier ist nur das Nötige zu sehen

- einfache Holzmöbel:

 Jakowlew-Haus, innere Ausstattung, Kishi © Oksana Fedotova

Das Jakowlew-Haus, innere Ausstattung

 

- einfaches Holz- und Tongeschirr:

Geschirr, Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Das Geschirr an der Wand im Jakowlew-Haus


- aus Holz gefertigte Wiege:

Wiege, Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Wiege im Jakowlew-Haus

 

- die im Leben der Dorffrauen eine wichtige Rolle spielenden Spinnbretter:

Karelische Spinnbretter im Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Karelische Spinnbretter im Jakowlew-Haus

 

Hier ist ein altes schwieriges Bügeleisen, man bügelte mit Hilfe von glühenden Kohlen, die hinein gelegt wurden.

Bügeleisen im Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Das alte Bügeleisen im Jakowlew-Haus


Das Wichtigste in einem Bauernhaus ist jedoch der geweißte Backofen. Der Ofen im nördlichen Haus (oft „russischer Ofen“ genannt) befindet sich traditionell neben dem Eingang. Der Ofen wärmt das Haus, im Ofen wird das Essen zubereitet, auf dem Ofen wird geschlafen, er ist auch mit vielen Ritualen verbunden. Man benutzt ihn auch in Volksmedizin. So hat man früher oft die kranken Kleinkinder in den warmen Ofen gelegt, um die Krankheit zu vertreiben. Im Winter hat man oft die Neugeborenen im Ofen gewaschen. Dem Ofen hat das Volk viele Sprüche, Rätsel, Sprichworte gewidmet. Man sagte „Ein Haus ohne Ofen ist unbewohnt“, das heißt, ein Ofen bringt das Leben ins Haus.

 Russischer Ofen im Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Der russische Ofen im Jakowlew-Haus


Im Norden wurde sehr viel Tee getrunken, darum ist das russische Dorfhaus ohne einen Samowar nicht zu denken.

Samowar im Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Samowar im Jakowlew-Haus


Ein anderer wichtiger Ort im Haus war die so genannte „Rote Ecke“. Das war ein Ehrenplatz, der üblich auf Süden oder Osten gerichtet war. Man nannte ihn auch „vordere Ecke“, „heilige Ecke“, „Gottesecke“. In dieser in der Regel am meisten im Haus belichteten Ecke hing eine mit gesticktem Handtuch gedeckte Ikone.

Samowar unter der Ikone in der Roten Ecke im Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Samowar unter der Ikone in der Roten Ecke im Jakowlew-Haus



Hier wurde gebeten, gegessen, hier feierte man alle religiösen Feste und wichtige Ereignisse im Leben der Familie – Hochzeiten, Geburt. Hinter die Ikone der roten Ecke legte man am Weidensonntag die geweihten Weidenzweige, damit sie das Haus und seine Bewohner vor bösen Geistern schützten.  

 

 Rote Ecke im Jakowlew-Haus, Kishi © Oksana Fedotova

Rote Ecke im Jakowlew-Haus

Alle Fotos 24.Juli 2007


1) Kirchhof (auf Russisch: pogost, bedeutete früher eine Kirche am Rande einer Siedlung oder eines Dorfes mit daneben liegendem Friedhof)

2) Wepsen – ein finno-ugrisches Volk in Nordwesten Russlands (Karelien und bei Sankt-Petersburg)

weiter zu Teil 2

Das karelische Wunder – Kishi, Teil 1
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