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Die Kreuze im Russischen Norden
© Oksana Fedotova

Die Kreuze im Russischen Norden, Teil 1
Die Kreuze im Russischen Norden, Teil 2
Die Kreuze im Russischen Norden, Teil 3

 

„Das Kreuz ist der Bewahrer des ganzen
Weltalls, die kirchliche Schönheit, das
Reich der Könige, die Bestärkung der
Treuen, der Ruhm der Engel und das
Geschwür der Dämonen“.

Aus dem Gebet zum Fest der Kreuzerhöhung

 

Seit alten Zeiten errichtete man Kreuze im Russischen Norden. An den steilen Ufern der nördlichen Flüsse, an den Wegrändern, mitten in den Feldern, in den Dörfern, an den Meeresstränden – sie waren überall, wo Menschen ihre Tätigkeit betrieben.

Nach der Kolonisation des Nordens von Nowgorodern verbreitete sich hier die christliche Lehre. Sie vertrieb die heidnischen Kulte, die heidnischen Idole wurden vernichtet, auf deren Stelle wurden Kreuze aufgestellt. Die nördlichen Kreuze waren einerseits die Attribute der christlichen Religion, andererseits waren sie inhaltlich viel reicher und vielfältiger und dienten verschiedenen Zwecken.

Die Kreuze im Norden wurden sehr oft als Schutzmittel errichtet. Der Glauben an die wirkende Schutzkraft der Kreuze war hier sehr groß. Man glaubte, dass sie vor Raub, Missernte, Behexen schützen. Manche Dörfer waren geradezu von den Kreuzen umgeben. Die Schutzkreuze («охранительные кресты») errichtete man auch in den Feldern, an den Wegekreuzungen, überall, wo die bösen Mächte gewöhnlich ihr Unwesen trieben. Wenn man an so einem Ort ein Kreuz aufstellte, glaubte man, dass er nicht mehr gefährlich war. Darum erschienen die Kreuze sogar direkt an den Bauernhäusern im Dorf.

Manche solcher Kreuze waren zugleich noch die Grabkreuze. In einigen Dörfern war bis in die 1920-er Jahre der Brauch erhalten, die verstorbenen Verwandten neben dem Haus zu begraben. So handelten auch die Heiden, die glaubten, dass der Geist des toten Verwandten das Haus und seine Bewohner schützte.

Die Gedenkkreuze («памятные кресты») stellte man zur Erinnerung an ein Ereignis (sei es die Gründung einer Siedlung oder ein Unfall) oder zum Gedenken an bestimmte, oft gestorbene oder verschollene Menschen auf.

An der Meeresküste wurden die Gedenkkreuze für die im Meer umgekommenen Verwandten oder Freunde von den Pomoren 1) besonders verehrt. Es waren Zeiten, wo die Menschen allein die harte nördliche Natur bekämpfen mussten, ohne jene moderne technische Geräte und gut ausgerüstete Schiffe, und wo der Fisch- und Robbenfang fast das einzige Mittel zum Überleben war. Das Meer war aber nicht immer zu den Fischern gnädig und versuchte mit allen Mitteln die Behauptung „Der Mensch ist der König der Natur“ zu widerlegen. So kamen viele Menschen im Meer um ihr Leben. Sie sind aber in Erinnerung ihrer Freunde und Bekannten geblieben, und damit diese Erinnerung nicht verblich, wurden die Namen der gegangenen Menschen in den Malen – Gedenkkreuzen - verewigt.

In der Regel hatten solche Kreuze Inschriften, die auf manchen alten Kreuzen immer noch zu lesen sind, wie z.B. auf diesen Kreuzen, die 2 km entfernt von der Siedlung Kojda an der Küste des Weißen Meeres stehen:

 

Die Kreuze im Russischen Norden © D. Bessonov

Die alten Kreuze am Weißen Meer. Kojda, 13.März 2007.
© D. Bessonov, www.SAGEN.at

Auf einem Kreuz (auf dem Foto rechts) steht geschrieben: „Dieses Mal wurde zum Gedenken an die gestorbenen Robbenfänger vom Schiff „Ioann Zlatoust“ aufgestellt“. Weiter folgen die Namen der gestorbenen Menschen und steht das Datum: 25.5.1910.

 

Die Kreuze im Russischen Norden © D. Bessonov

Die Inschrift auf dem alten Gedenkkreuz am Weißen Meer. Kojda, 13.März 2007.
© D. Bessonov, www.SAGEN.at

Das andere Kreuz (auf dem Foto in der Mitte) dient auch als Erinnerung an einen tragischen Unfall: Im Jahre 1945 war das Fangschiff „Kaganowitsch“, das von Kojda auf Robbenfang ins Meer ging, während eines Sturmes an der Halbinsel Kola verschwunden. Erst 1952 wurde das Bordbrett mit dem Namen des Schiffes vom Meer nicht weit von Kojda an das Ufer geworfen. So haben die Menschen über das traurige Schicksal des Schiffes erfahren und das Kreuz zum Gedenken an die 14 im Meer verlorenen Einwohner von Kojda aufgestellt.

Es gab auch Kreuze, die mit bestimmten historischen Persönlichkeiten verbunden waren. Weit bekannt war das Kreuz, das vom Zaren Peter I. selbst in der Unskaja Bucht am Weißen Meer in der Nähe vom Pertominskij Kloster errichtet wurde. Peter hat dieses Kreuz zur Erinnerung an seine glückliche Rettung aus einem schrecklichen Meeressturm errichtet, später wurde es in Archangelsk im Dreifaltigkeits-Dom aufbewahrt.

Die Gedenkkreuze stellte man häufig an den Orten zerstörter Kirchen und Kapellen auf. Diese Kreuze standen an den heiligen Orten, darum hatten die Menschen zu solchen Kreuzen ein besonderes Verhältnis.   

2004 wurde auch in Archangelsk so ein Kreuz an der Straßenkreuzung Nikitowa-Leningradskij errichtet, hier stand früher die Kirche, geweiht dem Märtyrer Viktor, die in den 1960-er Jahren zerstört wurde:   

                   

Gedenkkreuz in Archangelsk © Oksana Fedotova

Das Gedenkkreuz in Archangelsk. 25.Mai 2007.
© Oksana Fedotova, www.SAGEN.at

 

Solche Gedenkkreuze haben früher eine besonders wichtige Rolle in den Dörfern gespielt, wo keine neue Kirche statt der alten zerstörten gebaut wurde. Dann kamen die Menschen zu dem Gedenkkreuz und beteten. Darum nennt man solche Kreuze auch Anbetungskreuze («поклонные кресты»).

Im Archangelsker Staatlichen Museum der Holzarchitektur und Volkskultur „Malye Korely“ befindet sich ein originales Kreuz aus dem Dorf Kuschkopala (Pineshskij Bezirk, Archangelsker Gebiet). Das Kreuz stammt aus dem 19.Jahrhundert (das genaue Datum ist unbekannt) und ist 6,1 m hoch. Mitsamt dem unterirdischen Teil (das Kreuz stand am Ufer des Flusses Pinega in einem für es extra gemachten Balkengefüge als Unterbau) betrug seine Höhe etwa 8 Meter. Die Vorder- und Rückseite des Kreuzes ist mit geschnitzten liturgischen Inschriften bedeckt. Die Inschrift auf der zentralen Achse lautet: „Das Kreuz ist der Bewahrer des ganzen Weltalls, die kirchliche Schönheit“.    

Anbetungskreuz aus Kuschkopala © Oksana Fedotova

Das Anbetungskreuz aus Kuschkopala, 19.Jh.
Seit 1979 im Museum Malye Korely. Archangelsk, 12.Mai 2007.

© Oksana Fedotova, www.SAGEN.at

 

 

Anbetungskreuz aus Kuschkopala © Oksana Fedotova

Das Anbetungskreuz aus Kuschkopala, 19.Jh. Geschnitzte Inschrift, Fragment. Archangelsk, 12.Mai 2007.
© Oksana Fedotova, www.SAGEN.at

1) Pomoren – die alte Bezeichnung von Ansiedlern an den Küsten des Weißen Meeres. Das Wort „Pomor“ ist vom „море“ (das Meer) abgeleitet und bedeutet somit „ein Mensch, der am Meer lebt“.

 

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