Der kluge Zwerg

Wer etwas wissen wollte, musste den Zwerg fragen. Das wussten alle Waldtiere. Die Vögel fragten ich, wann sie abreisen sollten, das vergessliche Eichhorn erkundigte sich nach seiner verlorenen Vorratskammer, die Hasen wollten den Beginn der Herbstjagd wissen und die Forellen eine drohende Überschwemmung.

Der Zwerg wusste alles, doch umsonst tat er nichts. Die Vögel mussten ihm Federn bringen, das Eichhorn Nüsse und Eicheln, die Hasen weiche Wolle und die Fische schöne Steinchen. Ganze Säcke voll mit Nüssen und Eicheln hatte er in seiner Erdhöhle, dazu die weichsten Haare und die schönsten Federn. Da waren blaue Federchen aus den Flügeln des Nusshähers, brennend rote von der Brust des Gimpels, grüne vom Specht und gelbe von der Goldamsel. Nein, er tat nichts umsonst.

„Wozu auch? Hä, hä, hä! Die Dummen sollen nur fest zahlen!“. Der Zwerg rieb sich vergnügt die Hände und spazierte von seiner Höhle auf und ab. Das tat er manchmal und dann riefen die Tiere: „Seht, da geht unser kluger Zwerg! Oh, er ist der klügste Zwerg im ganzen Gaiserwald.“

Das gefiel dem Zwerg nicht schlecht. Er lachte, dass der Mund von einem Ohr bis zum anderen ging und blähte sich auf, dass er noch einmal so dick wurde. Es gefiel ihm so gut, dass er beschloss, sich eine Frau zu nehmen. Zwar machte eine Frau Kosten, aber dafür musste sie auch tun, was er wollte. Er wollte gewiss nicht zu viel. Seine Frau sollte nur jeden Tagen sagen, wie klug er wäre.

Aber woher eine Frau nehmen? Ei, das würde sich wohl finden, ihn nahm doch schließlich jede. Darum wollte er sich gut überlegen und deshalb ging er vor der Höhle auf und ab. Sollte er eine Fee nehmen oder eines von den saligen Fräulein, die auf den Felsen wohnen, oder eine Nixe mit einem Fischschwanz, oder eine Elfe mit Flügeln?

Ein Elfe! Das war ein guter Gedanke! Eine Elfe ist zierlich und fein, hat eine freundliche Stimme und ein fröhliches Gesicht. Eine Elfe ist so leicht, dass sie gewiss nicht viel zu essen bracht, und geht so einfach gekleidet, dass ihr ein Schleier genügt. Eine Elfe wollte er nehmen und zwar sogleich.

Eilig verschwand er in der Höhle, und als er wiederkam, war er kaum zu erkennen. Er hatte gelbe Schuhe an und einen himmelblauen Kittel. Der große Kopf war hochrot und pendelte hin und her, aber die Haare waren säuberlich gescheitelt und mit Pomade glatt gestrichen. In der linken Hand hielt er ein Blumensträusslein.
So strebte er eilig der Waldwiese zu. Während er ging, überlegte er, was er sagen werden, wenn er zu den Elfen kam. Zuerst würde er den Blumenstrauß überreichen. Den Blumenstrauß? Quatsch! Solch kindisches Zeug passte nicht für einen klugen Mann, wie er es war.

Er warf den Strauß in weitem Bogen zwischen die Stämme. War er nicht der klügste Mann im ganzen Walde? Hatte er nicht Haselnüsse und Federn, Pilze und Beeren?

Die Elfen empfingen ihm mit allen Ehren. Sie setzten ihn auf einen goldenen Stuhl, streuten Blumen vor seinen Füßen und tanzten ihren schönsten Reigen. Dann durfte er eine von ihnen wählen. Er nahm die Jüngste und Schönste. Sie hatte Tränen in den Augen, als er sie fortführte, aber sie war stolz, dass sie den klügsten Zwerg im ganzen Walde zum Manne bekam.

Es schaudert sie zwar vor der finsteren Höhle, und als ihr Mann ihr „ritsch, ratsch“ die glänzenden Flügel abschnitt, gab es schnell noch ein paar Tränen. Aber sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass er, der so klug war, wohl das Rechte täte.

„So, meine kleine Frau“ sagte der Zwerg „nun sieh dir dein Reich an! Das alles gehört dir, alle Nüsse und Eicheln, Federn und Haare, alle Steinchen und sogar die Mäuse!“. Die Mäuse saßen verschüchtert in einem vergitterten Käfig und schauten mit ihren kleinen glänzenden Schwarzaugen ängstlich auf den Zwerg.

„Na, mein Singvögelchen“ rief der und kniff sie in die Schwänzchen „Konzert! Konzert!“. Die Mäuse quiekten und suchten ihm zu entkommen. Aber der Käfig war so klein, dass immer irgendwo ein Schwänzchen heraushing, das der Zwerg erwischte.

„Nein, ach nein!“ rief das Elfenkind „das will ich nicht hören!“ – „Auch gut!“ lachte der Zwerg „So setze dich hin und gib acht! Du hast schon nichts zu tun, als dass du jede halbe Stunde sagst: Du bist der klügste Zwerg im Walde.“

Das war freilich nicht viel, aber für die Elfe doch sehr schwer. Einmal ließ sie die bunten Steinchen durch die Finger rinnen und vergaß nur die halbe Stunde, und ein anderes Mal wollte sie es recht gut machen und kam um eine Viertelstunde zu früh.

Sie wollte keine Nüsse essen und keine Eicheln, sie fragte immer nach Blumen und wollte wissen, ob der Mond gestorben sei, weil er in der Höhle nie schien. Ihr Schleier war schon lange schmutzig, weil er nie im Tau gewaschen wurde und in ihren goldenen Haaren staken welke Blätter und Tannennadeln.

Sie sehnte sich nach der Waldwiese. Wenn ihr Mann nur nicht gar so klug gewesen wäre! Aber alle Tiere sagten, es hätte noch nie einen so klugen Zwerg gegeben und alle Waldleute bewunderten ihn. Nicht nur alle Waldleute, sein Ruhm war längst über den Wald hinaus gedrungen in die Dörfer und Städte, zu den Menschen.
Die waren eben dabei, einen neuen König zu wählen. Wer zuerst vom Zwerge sprach, das wusste später keiner. Aber einer sprach davon und nächsten Tage sagte alle: „Der Zwerg soll König sein.“

Und so wurde es. Der Zwerg wurde König und die kleine Elfe Königin. Für sie war nichts anders geworden. Statt der Höhle hatte sie ein Zimmerchen, statt der Haselnüsse Edelsteine und statt der Eicheln Goldkörner. Aber sie durfte nicht in die Sonne, nicht in den Mondschein, bekam keine Blumen und keine Flügel und musste jede halbe Stunde sagen: „Du bist der klügste Zwerg im ganzen Königreiche!“

Der Zwerg wurde immer dicker vom Aufblähen, denn nun sagten nicht nur die Tiere und seine Frau, dass er der Klügste sei, es sagten´s auch alle Menschen und nicht nur jede halbe Stunde, sondern den ganzen Tag, zu jeder Minute.

Das war aber nur sehr begreiflich, denn da die Leute taten, was der Zwerg riet, hatten sie die dicksten Kartoffeln und die fettesten Schweine, die größten Ochsen und die schwersten Gänse.

Ja, das war gewiss sehr schön! Alle waren zufrieden, die Leute und die Zwerge; bis der Zwerg hörte, dass am Rande seines Reiches ein Riese wohne. „Ein Riese? Und der ist noch nie an meinem Hofe erschienen?“ fragte der Zwerg.

Ach, mit dem Riesen sei es so ein Ding, meinten die Leute. Der wäre schon unter dem alten König nie zu Hofe gekommen. Im übrigen wäre nicht viel verloren, er sei ja doch so dumm, dass er den ganzen Tag nichts anders machte als lachen. „Er soll kommen, ich will es!“ befahl der Zwerg. Es ärgerte ihn, dass ein Wesen in seinem Reich nicht seine Klugheit bewunderte.

Die Diner brachten dem Riesen die Botschaft. Er lachte und sagte nicht „Ja“ und nicht „Nein“. Sie kamen noch einmal und ein drittes Mal. Immer lachte der Riese und sagte nichts. Der Zwerg war das erste Mal blass, das zweite Mal grün und das dritte Mal gelb geworden vor Ärger, und fuhr seine Frau an: „Scher´ dich zum Kuckuck!“ als sie kam, um ihr Sprüchlein vom klügsten Zwerg aufzusagen. Er stampfte mit dem Fuße und befahl: „Morgen gehen wir alle zum Riesen. Ich will doch sehen, ob er für mich auch keine andere Antwort hat.“

Der Riese schaute verwundert, als all die vielen Leute kamen. „Wenn Mohamed nicht zum Berge kommt, muss der Berg zu Mohamed kommen!“ sagte der Zwerg. „Wie fein!“ riefen die Leute „Oh, unser König ist der klügste von allen Königen!“. Der Riese aber, der keinen Mohamed kannte, lachte nur und sagte nichts.

Der Zwerg bekam vor Zorn einen roten Kopf und wäre am liebsten umgekehrt. Aber er bsann sich und sprach: „In der Beschränkung zeigt sich der Meister.“. Er sagte es lateinisch und das ist natürlich viel feiner. „Oh! Ah! Wie geistreich!“ reif das Volk und klatschte in die Hände.

Der Riese sah gar nicht hin. Er hatte einen kleinen Vogel bemerkt, der auf dem höchsten Gipfel einer Tanne saß. Dem nickte er zu und lachte freundlich. Der Zwerg wurde noch mehr rot, sein Kopf schwoll an und seine Hände begannen zu zittern. „Ruhig! Ruhig!“ mahnte er sich selbst und sah starr vor sich hin, bis seine Hände nicht mehr bebten. Ich muss ihm eine Schmeichelei sagen. Das wird ihm eingehen wie Honigseim, dachte der König und krächzte: „Du bist der gescheitetste Riese, den ich je sah.“

Wenn der Riese nun gesagt hätte: „Das wusste ich schon lange, König Zwerg“ hätte der König gelacht. Aber der Riese sagte gar nichts, er sah immer zu dem kleinen Vogel empor und lächelte. Es war, als hätte er nichts gehört.

Dem Zwerge standen die Harre nach allen Richtungen und die Augen stiegen ihm aus dem Kopfe. Er fuchtelte mit den Händen in der Luft umher und rang nach Atem. Es passte gar nicht, dass die Königin in ihrer Angst daran dachte, dass eine halbe Stunde vorbei sei und zaghaft sagte: „Du bist der klügste Zwerg im ganzen Königreich.“

Wie gesagt, es passte gar nicht. Der Zwerg lief blaurot an und schrie: „Dudududu – und zersprang mit einem lauten Knall. Und weil der Vogel, von diesem Knall erschreckt, wegflog, schaute der Riese verwundert auf und lachte, dass der Wald wiederhallte. Die Leute wussten nicht recht, was sie tun sollten. Sie schlichen kleinlaut nach Hause. Die kleine Elfenfrau stand verlassen da und war verlegen, weil niemand mehr da war, den sie loben musste.

Da erbarmt sich der Riese: „So, kleine Frau, jetzt holen wir deine Flügel aus der Höhle und dann wollen wir gleich versuchen, ob das Fliegen noch geht.“ Es ging, ganz prächtig ging es. Und die Leute waren noch einmal so vergnügt, als sie allmählich bemerkten, dass es nicht nur Kartoffeln, sondern auch Blumen gibt auf der Welt. Der Riese lachte still vergnügt weiter. Er lacht heute noch. Du kannst es hören, wenn du durch den Gaiserwald gehst.

Quelle: Friedrich Neisser, Märchen aus Enzenkirchen. Neu herausgegeben von Roger Michael Allmannsberger.
Von Roger Michael Allmannsberger freundlicherweise im Juli 2007 für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
© Roger Michael Allmannsberger