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Die steinerne Agnes

Von den Rothöfen am Lattengebirge schaut in das kleine Berchtesgadener Ländchen eine mächtige Felsspitze herab, die "steinerne Agnes" genannt. Agnes war einst die schönste Dirne weit und breit gewesen. Flink bei der Arbeit, lustig und froh im Kreise ihrer Freundinnen, war sie gepriesen und beliebt wie keine zweite und oftmals bei Schallmei und Hackbrett zur Königin erwählt. Also gefeiert, wurde sie aber alsbald stolz gegen ihre Mitschwestern und von abstoßendem Übermut erfüllt. Allein: "Hochmut kommt vor dem Fall!" Dieses Sprichwort sollte sich auch an ihr bewahrheiten. Ein schmucker Jägersmann wußte sich in ihr Herz zu stehlen, sie ward verführt, ihrer Unschuld beraubt und wagte sich bald nicht mehr zu Spiel und Tanz, damit ihre Schande nicht offenkundig würde. Aber geheimer Gram lastete schwer auf ihrer Seele; denn
ihr Verführer ließ sich nicht mehr blicken.

Da hüllte sich der Teufel in Jägertracht, ging zu der armen Agnes und sprach: "Was härmst du dich? Du bleibst ja doch wie vor und ehe die schöne, flinke Agnes; ein Druck der Hand - ein Laut - und wie alles Weh lischt auch das Lebenslichtlein deines Kindleins aus!" - Schaudernd hört es Agnes, was der Versucher ihr ins Ohr flüstert. Lange ringt sie mit der Mutterliebe in ihrem Herzen; sie sieht auf der einen Seite unausbleibliche Schande, den Spott und Hohn ihrer Mitschwestern, auf der anderen Vergessenheit dessen, was geschehen, und der Böse hat den Sieg über die Mutter davongetragen, sie tötet ihr Kind mit eigener Hand. Solch scheußliches Verbrechen ereilte aber sofort die Strafe Gottes. Zum Schreckbild auf die Zinne hinaus gerückt, starrt Agnes, zu Stein geworden, von der schroffen Wand hinab ins Tal.

Quelle: R. von Freisauff, Salzburger Volkssagen, Bd.1, Wien/Pest/Leipzig 1880, S. 366f, zit. nach Leander Petzold, Sagen aus Salzburg, München 1993, S. 149.