WIE CLAUERT EINEN KANNENGIEßER BETROG

Zu Spandau wohnte ein Kannengießer, der viel von Clauerten gehört und ihn doch noch nie gesehen hatte und der deshalb gegen viele Leute sich oft hatte verlauten lassen, daß er doch gern Clauerts Bekanntschaft machen möchte. Als nun Hans Clauert einstmals dorthin gekommen war und jenen ganzen Tag lang, welchen er sich dort aufhielt, viel lächerliches Zeug ausgeführt hatte, machte ihn zuletzt der Wirt mit dem Wunsch des Kannengießers bekannt, daß ihn nämlich derselbe auch gern kennen möchte. Darauf sagte Clauert: "Gebt Euch nur zufrieden, Herr Wirt, bis morgen soll er mich schon kennen." Er vergaß es auch nicht, sondern schickte des andern Morgens früh, ehe es noch recht Tag war, zu jenem Kannengießer hin und ließ ihm sagen: Es wäre ein Mann in dem Gasthaus, der käme von Hamburg und hätte eine Partie gutes Zinn mit sich gebracht, welches er gern wolle vergießen lassen; doch wünsche er es vorher zu wiegen; deshalb ließ er den Kannengießer zugleich bitten, er solle sein Gewicht mit sich bringen, wenn er ihm die Arbeit zu machen gedächte. Der Kannengießer ließ sich nicht erst lange bitten, sondern folgte dem Mädchen alsbald nach. Nun hatte Clauert unterdessen in der Küche neben dem Feuerherd ein reines Plätzchen gekehrt und einen ziemlich großen Haufen gelbes Zinn darauf gelegt. Als der Kannengießer kam, fragte ihn Clauert im Finstern: "Seid Ihr der Meister?" Dieser antwortete: »Ja.« Clauert fragte weiter: "Habt Ihr auch Euer Gewicht mitgebracht?"

"Ja freilich", erwiderte der Kannengießer. Da nahm Clauert ein Licht in die Hand und sagte zu ihm: "Ich hätte gern zu einem Goldschmied geschickt, aber diese haben keine so großen Gewichte; wohlan denn, Meister, kommt her und wiegt mir diesen, wieviel Pfund mag er denn wohl haben?" Damit zeigte er ihm jenen Haufen Zinn und leuchtete dazu mit dem Licht. "Ei so wiege ihn doch der Teufel", antwortete der Kannengießer, "und ich nicht."

Dabei dachte er jedoch an Clauerten, sah ihn ganz starr an und fragte: "Bist du nicht Clauert?" Dieser gab ihm zur Antwort: "Ja, gestern abend war ich's noch." Da sagte der Kannengießer: "Du alter einäugiger Schelm und Bösewicht, habe ich in den Tagen meines Lebens doch so viel von dir gehört und muß in meinem Alter noch von dir betrogen werden." Clauert erwiderte: "Guter Freund, erzürnt Euch nicht; habt Ihr mich doch wollen kennenlernen. Dieses ist in keinem Argen geschehen; kommt herein, wir wollen das Frühstück miteinander verzehren und weitere Bekanntschaft machen." Solches hörte der Wirt, kam ebenfalls heraus und versöhnte sie beide miteinander. Clauert bezahlte Essen und Trinken für den Kannengießer, und beide blieben hierauf gute und vertraute Freunde.


Quelle: Wolf, J. W., Deutsche Märchen und Sagen. Leipzig 1845