DER TERLANER TURM

Als der kunstvolle Turm in Niederlana gebaut wurde, arbeitete ein junger Steinmetz dabei, der wegen seiner Geschicklichkeit vom Baumeister geliebt wurde. Der schöne Bursche kam oft in die Wohnung des Meisters und lernte dort seine bildschöne Tochter kennen, zu der er bald eine große Neigung faßte. Das Mädchen war ihm auch hold und wünschte sich keinen andern Mann.

Ermutigt durch das Vertrauen, das ihm der Meister so oft geschenkt hatte, bat er um die Hand der Tochter. Da aber sah der stolze Mann ihn verächtlich an und sagte: "Wenn du einmal einen solchen Turm gebaut hast, wie ich zu Lana, kannst du um meine Tochter kommen. Einstweilen schlag dir aber solche Gedanken aus dem Kopf."

Den Steinmetz wurmte diese Rede und er sann auf Mittel, dem Alten das Bad abzugewinnen. Eben damals wollten die Terlaner auch einen Kirchturm aufführen und der beleidigte Steinmetz übernahm den Bau. Er baute den Turm so künstlich, daß dieser sich auffallend gegen die Straße neigte. Da hatte er das Spiel gewonnen, und die schöne Meisterstochter wurde seine Braut.

Quelle: Zingerle, Ignaz Vinzenz, Sagen aus Tirol, 2. Auflage, Innsbruck 1891, S. 529 f.