DER DRACHE AUF DEM KREUZKOFEL

Auf dem Kreuzkofel südlich von St. Vigil in Enneberg hauste vorzeiten in einer finsteren Felsenkluft ein ungeheurer Drache. Der Leib war der einer riesigen Schlange, daran hatte das Ungeheuer aber vier ellenlange Füße mit scharfkralligen Pratzen und ein großmächtiges Flügelpaar. Der Rachen war so groß und weit, daß ein Mensch darin Platz hatte, und ein Maul mit spitzen Zähnen besetzt. Kam ein Hirte in die Nähe, so bäumte sich das Tier zornig auf, zischte und brüllte, riß den Rachen auf und zermalmte den Armen mit Fleisch und Knochen. Bald war die ganze Gemeinde weitum verheert, und das Volk verließ die anmutigen Fluren am Fuß des Gebirges und wanderte ins Elend. Allein das Ungetüm dehnte sein Jagdrevier bald weiter aus, brach bald da, bald dort aus der Wildnis hervor und zehrte Menschen und Tiere auf. Des Nachts fiel es in die Schafställe ein und würgte ganze Haufen dieser friedlichen Tiere, denn am liebsten fraß es Schaffleisch.

Dazumal lebte ein kühner Ritter in Enneberg, namens Prack. Er hatte schon manches Abenteuer bestanden mit seinem guten Schwert und war zugleich ein nie fehlender Schütze. Er hatte ein so scharfes Auge und eine so sichere Hand, daß, wenn er von seiner Burg Asch aus im gegenüberliegenden Plaieswald einen feisten Rehbock ersah, derselbe alsbald seinem sicheren Geschoß erlag. Es war aber seit undenklichen Zeiten der Sattel des heiligen Ritters Georg im Besitz der edlen Herren von Prack, und wer von ihnen immer in diesem Sattel ritt, konnte von niemandem bezwungen werden, selbst dann nicht, wenn der Gegner des stärksten Zaubermittels mächtig gewesen wäre.

So wollte denn der Ritter Prack auch dem Drachen zu Leibe gehen. Er sattelte sein edles Roß mit dem Sattel des hl. Georg und ritt nach dem wilden Gebirge, wo schon so viele weidliche Degen ihren Untergang gefunden hatten. Denn auch dem schärfsten Schwerte widerstanden die stählernen Drachenschuppen. Bald kam er auf den bekannten Weg zum Loch des Wurmes. Alsbald schoß auch das scheußliche Untier, das sich vor seiner Kluft gesonnt hatte, heran, seine Schuppenhaut rasselte, seine Augen glühten wie Feuer, und mit weit geöffnetem Rachen ging es zischend auf den Ritter los. Dieser sandte augenblicklich aus sicherem Rohr eine gewaltige Kugel durch den Rachen des Ungeheuers, und die Kugel drang durch das Herz desselben und bohrte sich tief in die Eingeweide ein, daß es sich vor Schmerz auf dem Boden wand, in heftige Zuckungen verfiel und alsbald tot den Felsen hinabstürzte.

Darauf kehrte der Ritter auf seine Burg zurück. Lange wagte es niemand, nach dem toten Drachen zu sehen; erst Jahre später fand ein Hirte durch Zufall das Gerippe desselben. An der Stelle, wo der Ritter durch seine kühne Tat die Gegend von der fürchterlichen Plage befreit hatte, errichteten die dankbaren Bewohner eine Gedenktafel, die vor noch nicht langer Zeit dort noch zu sehen gewesen sein soll.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 647 f.