DAS WILDE WEIBLEIN IN OBERPURSTEIN

Oberpurstein liegt zwei Stunden ober der Tauferer Pfarrkirche auf steilem Bergabhang mit wunderbarer Ausschau über den ganzen Tauferer Boden und die Gegend von Bruneck. Da hinauf kam vorzeiten ein steinaltes Mütterlein, das kein Wort redete, sondern nur "ja" schüttelte, wenn man ihm etwas gab. Es blieb lange Zeit in Oberpurstein, lebte vom Almosen der Leute und redete nichts.

Da kamen die Leute auf einen merkwürdigen Einfall. Sie bewahrten das ganze Jahr hindurch alle Eierschalen auf, und am "Pfestertag" (Silvestertag) abends stellten sie dieselben auf dem Herd gleich den Kochhäfen ums Feuer. Als das Weibele in die Küche hereinkam, wurde es über dieses Angericht stutzig, öffnete zum erstenmal seinen Mund und sagte:

"Jetzt bin ich schon so alt,
weiß den Tauferer Boden
neunmal Feld und neunmal Wald;
aber so viel Hafelen habe ich noch nie gesehen."

Dann verschwand es und wurde nie mehr gesehen.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 605 f.