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DIE HASELHEXE

Ein Bauersknecht in Seis beobachtete heimlich die Stalldirn, welche im Rufe der Hexerei stand, als sie gerade in der Küche die Ofengabel mit einer Salbe einrieb und auf derselben mit dem bekannten Spruche:

"Überall auf
Und nirgends an!"

durch den "Kemat" (Kamin) hinaufritt. Da sie den Salbentiegel stehen gelassen hatte, benützte der Knecht die gute Gelegenheit, schmierte damit am Küchenbesen herum, setzte sich dann rittlings darauf und fuhr mit dem Spruche:

"Überall auf
Und überall an!"

ebenfalls durch den Kamin. Den Spruch hatte er nämlich falsch gehört. Arg zugerichtet, gelangte er auf das Dach; er war mit seinem Schädel überall angeprallt.

Durch die Luft ging,s nun aber leichter, und so kam er richtig auf den Schlern, wo die Hexen schon flott tanzten. Der Knecht tanzte auch mit, und als der Tanz zu Ende war, zerrten ihrer etliche die Stalldirn herbei, schlachteten und brieten sie. Darauf setzten sie sich alle im Kreise nieder und hielten guten Schmaus. Dem Knechte warfen sie eine gebratene Rippe hin, aber es ekelte ihn davor und er aß die Rippe nicht, sondern steckte sie ein.

Als die Hexen darnach die Knochen zusammenstellten und die Dirn wieder lebendig machten, fehlte die Rippe, die der Knecht zu sich gesteckt hatte, und sie setzten statt derselben eine Rippe aus Haselholz ein. Dabei sagten sie, wenn jemand die Dirne jetzt "Haselhexe" heißen würde, müßte sie sofort tot hinfallen. So fuhren alle wieder heim. Am andern Tage, als der Knecht und die Stalldirn beim Essen waren, sagte auf einmal der Knecht zum Bauern: "In deinem Hause ist eine Hexe." Der Bauer aber entgegnete zornig: "Was, in meinem Hause soll's Hexen geben? Das sag' mir kein zweitesmal mehr!" Darauf der Knecht: "ja, in deinem Hause ist eine Haselhexe." Im Augenblick rasselte es vom Stuhl, und die Dirn lag mit zerbrochenen Gliedern tot auf dem Boden.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 435 f.