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EIN DIEB FESTGEHALTEN

Ein vorbeireisender Fremder bemerkte den Schmuck, womit die schmerzhafte Mutter zu St. Pauls geziert war, und da er sich allein in der Kirche sah, nahm er ihn weg und ging davon. Kaum hatte er aber eine Strecke Weges von einer Viertelstunde zurückgelegt, als er auf der Straße zwischen St. Pauls und Unterrain in der sogenannten Tschiggät nicht mehr weiterkam und so lange wie angemauert stehen mußte, bis ein Fuhrmann, der mit seinem Wagen dahergefahren kam, ihn aus dem Wege schaffen wollte.

Als ihm aber der Mensch sagte, daß er nicht weiterkomme, und auf die Frage "Warum nicht?" zur Antwort gab, weil er die Muttergottes zu St. Pauls ihres Schmuckes beraubt habe, so riet ihm der Fuhrmann, er solle den Rückweg versuchen. Der Dieb folgte dem Rat, kam ohne Widerstand weiter und trug das Geraubte an die geheiligte Stelle zurück. Zum Wahrzeichen dieses Vorfalles hat man an dem Ort, wo der Dieb nicht mehr weiterkam, eine Kapelle erbaut, die heute noch steht.

Quelle: Zingerle, Ignaz Vinzenz, Sagen aus Tirol, 2. Auflage, Innsbruck 1891, Nr. 903, S. 523