SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Italien >> Überetsch

   
 

DER PESTREITER

Wenn man früher von Kaltern durch die Weinberge nach Oberplanitzing ging, so kam man dreihundert Schritte vor dem Dorf an einem kleinen, hölzernen Bildstöcklein vorbei, in dem statt eines Bildes nur einige gebleichte und halbvermoderte Gebeine zu sehen waren. Die Stelle, wo dieses seltsame Bildstöcklein stand, nannte man "bei den Gräbern", und man wußte sich davon dies zu erzählen:

Vor langen Jahren wütete in Kaltern und Umgebung die Pest auf eine fürchterliche Weise und raffte zahlreiche Menschen dahin. Nur Oberplanitzing blieb von der schrecklichen Seuche verschont. Dies aber ärgerte einen schadenfrohen Kalterer, und als er sich von der Pest angesteckt fühlte, beschloß er, den Schwarzen Tod auch nach Oberplanitzing zu bringen.

Er sattelte sein Pferd und sprengte dem besagten Dorfe zu. Als er aber die Garneller Lahn überschritten hatte und zu den "Gräbern" kam, sank er sterbend vom Pferde. Dieses aber rannte weiter und kam nach Oberplanitzing hinein. Die Einwohner wurden dadurch neugierig gemacht, woher etwa das Pferd gekommen und ob ein Unglück geschehen sei, und suchten die Straße auf und ab, bis sie zu dem sterbenden Reiter kamen. Sie standen ihm im Tode bei und beschlossen dann, ihn an Ort und Stelle zu begraben, um die Krankheit nicht ins Dorf hineingelangen zu lassen. Doch sie waren bereits angesteckt und noch am gleichen Tage brach in Oberplanitzing die Seuche aus und entvölkerte beinahe das ganze Dorf. Die Toten wurden nicht nach Kaltern gebracht, sondern ebenfalls bei den "Gräbern" beerdigt.

Der schadenfrohe Kalterer aber konnte in seinem Grabe keine Ruhe finden und oft und oft geschah es, daß ein einsamer Wanderer, der sich zur Nachtzeit von Kaltern nach Oberplanitzing begab, plötzlich im Bereich der Garneller Lahn hinter sich das Gestampfe und Geschnaube eines wild dahergaloppierenden Pferdes vernahm. Darauf saß ein schwarzer, kopfloser Reiter. Merkwürdig war auch, daß Roß und Reiter keinen Schatten warfen, und wenn der Mond auch noch so hell schien. Diese unheimliche Erscheinung folgte dem Wanderer bis zu dem Bildstöcklein bei den "Gräbern", stieß dort einen tiefen Seufzer aus und verschwand wieder.

Quelle: Zingerle, Ignaz Vinzenz, Sagen aus Tirol, 2. Auflage, Innsbruck 1891, Nr. 9, S. 5