Der Riesennagel

Die Naturnser Gegend war in grauer Vorzeit ein begehrter Wohn- und Tummelplatz der Riesen. Am Sonnenberg besaß ein biederer Riese ein Riesenschloß. Im jenseitigen wilden Gebirge hingegen hauste ein anderer Riese. Sie waren gute Freunde und hilfsbereite Nachbarn. Sie plauderten oft im Flüsterton miteinander, da ihre normale Stimme einem so lauten Donnergebrüll gleichkam, daß sie in weitem Umkreis vernehmbar gewesen wäre. Der Einsiedlerriese verfügte über ungewöhnliche Muskelkräfte. Seine Gegner drückte er mit: dem Daumen bis zum Hals in das harte Felsgestein und tötete sie dann durch seine Blicke. Wurde der Riesenkerl zornig, stampfte er mit den Füßen, darob Berg und Tal erzitterten. Lachte er, wurde das flache Land hügelig und das hügelige flach. Sein Niesen hatte Sturzbäche zur Folge und sein Husten löste Lahnen aus. Der große Juvaler Felsenrücken, der später einer Wallburg als Fundament diente und jetzt das Schloß auf seiner Anhöhe trägt, diente ihm als Hocker, von dem aus er das Tal bewachte. Einst wollte sich dieser Goliath etwas abkühlen. Er verließ deshalb seinen üblichen Sitzplatz und erreichte mit einem kleinen Sprung den darunter befindlichen See des Schnalstales, das damals noch mit ungeheuren Felsen dicht geschlossen und fest verrammelt dalag. Er hängte aber zuerst seine mächtige Steinkeule, die er sonst bei Tag und Nacht nicht aus den Händen gegeben hatte, an einem ins Wasser hineinragenden massiven Felsen auf. Nachdem er aus diesem mit bloßen Fingern noch ein großes Stück Knott gebrochen hatte, sah dieser jetzt aus wie ein Riesennagel. Beim Schwimmen erzeugte der Riese gewaltige Wellen, die, o Schreck, auch seine einzige unfehlbare Waffe fortspülten. Fürchterlich aufgebracht, durchwühlte er in fliegender Hast den ganzen See von der Oberfläche bis zum Grunde nach ihr, ohne sie jedoch zu finden. Er setzte nun seine Riesenkräfte zu einem, letzten Versuch an. Mit fürchterlicher Kraftanstrengung verschob er die Talwände, daß sie absplitterten und auseinanderbarsten. Der gegen den Himmel gischtende See ergoß sich mit unermeßlicher Gewalt und betäubendem Gebrause in das unglückliche Tiefland, dabei die gesuchte Riesenkeule unwiederbringlich mit sich fortreißend. Nach dieser riesenhaften Anstrengung flössen von ihm derartige große Schweißströme, daß davon die Felsen ausgehöhlt wurden. Noch heute kann man am schaurig schönen Eingang ins enge Schnalstal auf der linken Talseite in einer jähen, langen Steinrippe diese Schweißrinne in Gestalt eines silberhellen Wasserfalles bewundern. Unweit von ihm erblickt man hoch droben in den Felsen den Riesennagel aus der senkrechten Wand herausragen, während tief drunten im Abgrund der schäumende Schnalsbach sich sein glattes Steinbett immer tiefer gräbt.

Quelle: Winkler Robert, Volkssagen aus dem Vinschgau. Bozen 1968. S. 324 f.