DAS HEILIGGRABKIRCHLEIN

Auf halbem Weg vom Sterzinger Bahnhof nach Wiesen thront auf anmutiger Höhe neben der Straße das Heiliggrabkirchlein. Es wurde im Jahr 1690 von dem edlen und gestrengen Herrn Daniel von Elzenbaum zu Wiesenhaimb, Pflegsverwalter zu Sterzing, erbaut. Von dieser etwas verwahrlosten und unheimlich anmutenden Kapelle weiß der Volksmund zu erzählen:

An einem kalten und windigen Herbsttag, wie es deren so viele in Sterzing gibt, war eine Geierbäuerin von Wiesen am nahen Acker mit der Rübenernte beschäftigt. Eine Zeitlang schnitt sie das Kraut am Acker von den Rüben. Als es ihr dann zu kalt wurde, beschloß sie, diese Arbeit in der Kapelle, wo der Wind nicht zukam, fortzusetzen. Sie lud einen Korb voll, öffnete die Kapellentür und leerte sie auf den Boden.

Schon wollte sie um einen zweiten Korb gehen, als ihr der sonderbare Einfall kam, den riesengroßen Heiliggrabwächtern, die so tatenlos dastanden, zuzurufen: "Da, Mannder, habbet es derweil eppes zi tian!"

Als sie mit der nächsten Ladung anrückte und die Tür aufmachte, flogen ihr die Rüben nur so an den Kopf. So emsig arbeiteten die beiden Grabwächter!

Quelle: Fink, Hans, Eisacktaler Sagen, Bräuche und Ausdrücke. Schlern-Schrift Nr. 164, Innsbruck 1957, S. 33