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DAS ILGENBLATT

In Balzers geht das Märchen: Da war einmal ein armer Mann, der hatte einen reichen Bruder. Von dem bekam er aber nichts und er mußte betteln gehen. Einmal übernachtete er in einer einsamen Hütte, da kamen wohl bei hundert Agersten - wie man dort die Elstern heißt - in die Hütte geflogen, und das waren Hexen. (Das ist der feste Glaube der kleinen Laura, die das Geschichtlein erzählte.)

Die Agersten fingen ein Gespräch an und erzählten sich allerlei Neuigkeiten. Die eine sagte, es sei die Königstochter krank, eine andere bemerkte dazu, der helfe kein Doktor, außer er lege ihr ein Ilgenblatt auf die Schläfe. Der arme Mann faßte das in ein Ohr, und als die Hexenvögel weggeflogen waren, wanderte er zur Königsburg und bot dort als Arzt seine Dienste an. Man gestattete ihm die Kur und sie gelang. Des Königs Töchterlein wurde wieder ganz gesund, und reich beschenkt ging der Wunderdoktor von dannen. Als sein Bruder das hörte, ging er auch nach Hof und wollte als Arzt auftreten, wurde aber schmählich abgewiesen.


Quelle: Die Sagen Vorarlbergs. Mit Beiträgen aus Liechtenstein, Franz Josef Vonbun, Nr. 209, Seite 155