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Die seltsamen Diebe

Man munkelte in Mels allerhand. Es wurde, wie auch Lehrer Frick in Balzers erzählte, seit einiger Zeit in einem fort gestohlen, die Ernte von den Feldern, Hühner, Enten, sogar Schafe und Ziegen, und niemand wußte, wer der Dieb war, und es war ein großes Rätselraten, bis eines Tages die ganze Geschichte auskam.

Da erschien nämlich ein fremder Mann im Dorf, der trug eine Angelrute unterm Arm, und da war ein großes Verwundern unter den Leuten, weil weit und breit kein Gewässer zum Fischen lockte. Aber wie staunten die Leute, als der fremde Mann beim "Winkel, einem Bauernhof in Mels, vor die Jauchegrube trat, recht umständlich einen Wurm an die Angel setzte, ihn dann in die Grube warf und gespannt darauf wartete, daß ein Fisch anbeißen würde.

"Dem fehlt's im Kopf", sagten sich die Leute mit Recht; aber sie kamen alle hergelaufen, groß und klein, und einige glaubten am Ende auch, vielleicht habe es in der Jauche Fische. Auch der Winkelbauer und seine ganze Familie, Knecht und Magd, kamen vors Haus und lugten sich schier die Augen aus; denn von Fischen in ihrer Jauchegrube hatten sie noch nie etwas vernommen.

Der Fremde ließ sich aber durch den Andrang der lachenden und geschwätzigen Leute nicht stören, tat sehr gespannt und lauerte wie ein richtiger Fischer auf den Zuck an der Angelschnur. Die Leute warteten lange und geduldig, die meisten höhnend, bis ein Bäuerlein den seltsamen Fischer stupfte und grinsend sagte:

"Sie, lieber Herr, hier kann man keine Fische fangen, haa!"

Da gab der Fremde eine seltsame Antwort und lächelte dabei auch, aber recht hinterhältig: "Kann sein, kann sein, was ich aber nicht fange, fängt mein Bruder."

"He", sagten die Leute, schauten sich an und verstanden nichts, bis der Fremde nach geraumer Zeit die Angel einzog und mit der Rute unterm Arm wieder zum Dorfe hinauszog.

Die Leute standen noch eine Weile beisammen, besprachen die Angelegenheit und sagten sich auch: "Merkwürdige Leute gibt's heutzutage."

Dann verliefen sie sich wieder, und auch der Winkelbauer und sein Gesinde begaben sich an die liegengelassene Arbeit. Wie rissen sie aber die Augen auf, als sie ins Haus traten! Da stand ein Fenster sperrangelweit offen, und aus dem Kamin war die ganze Sau gestohlen worden.

Wie fluchte der Winkelbauer! Nun wußte er genau, warum der Fremde in seiner Jauche gefischt hatte, und verstand auch, warum er von seinem Bruder gesprochen hatte. Aber wer kannte ihn?

Seine Frau aber sagte, vor einigen Tagen seien zwei Bettelweiber dagewesen und hätten gierig nach der Sau geschaut. Wo war er aber hingegangen, der fremde Dieb ? Ach, sie suchten ihn überall, aber sie fanden ihn nicht. Es war, als hätte ihn der Erdboden verschluckt. Dabei hörten die Diebereien in Mels nicht auf. Immer wieder verschwand auf unerklärliche Weise etwas aus Scheune oder Stall. Wo steckten denn die Diebe? Auf merkwürdige Weise sollten sie die Meiser finden.

Einmal kam nämlich der Winkelbauer in Geschäften über den Rhein nach Vilters. Dort klagte er im Laufe des Gespräches einem Bauern sein Leid und ließ sich über die Diebstähle in seinem Dorfe aus. Da sagte der Schweizer nachdenklich und blickte dabei zum Stubenfenster hinaus: " Wenn es das sein könnte! Über eurem Dorfe, hoch oben auf dem Ellberge, sehen wir von hier aus des Nachts immer ein Feuer brennen, als könnten Menschen dort sein."

Eilig strebte der Winkelbauer, der wohl ahnte, wer dort oben sein Unwesen trieb, nach Hause, wo er das Gehörte aufgeregt den Nachbarn berichtete. In einer der nächsten Nächte zogen sie bewaffnet auf den Ellberg hinauf, und was sie vermuteten, traf zu. Dort brannten vor zwei riesigen Höhlen mächtige Feuer, und die Diebe saßen in den Höhlen und ließen es sich wohl sein bei den guten gestohlenen Dingen.

Die wütenden Meiser machten nicht langes Federlesen, sie packten die Diebe und führten sie gefangen ins Dorf, wo bald das Gericht das verdiente Urteil sprach. Wie die Sage erzählt, konnten sie aber nicht das ganze Diebsgesindel erwischen; ein junges Paar stürzte sich über die Felsen hinaus in die Tiefe. Noch heute soll eines dieser Diebslöcher, wenn auch zerfallen, hoch oben am Ellberge zu sehen sein.

Quelle: Dino Larese, Liechtensteiner Sagen, Basel 1970, S. 34