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Die Sage vom Drachen

Waren das noch gefährliche Zeiten, als in den Sümpfen und Felsenlöchern die feuerspeienden Drachen hausten und auf die Menschen lauerten! Auch im Liechtensteinischen lebten einige der fürchterlichen Fabelwesen. So wird von einem Drachen berichtet, der in der Nähe der Kirche von Triesenberg sein Wesen treibt. Er soll auch heute noch irgendwo dort im unzugänglichen Versteck auf die ihm günstige Stunde warten, während der Drache, der in der Gegend des Ellberges seine Höhle hatte, dank Gottes Hilfe verschwunden ist.

Es muß ein greuliches Untier gewesen sein, das meistens in den Sümpfen des Oberfeldes hockte und die Bürger von Mels immer wieder erschreckte, wenn es der Hunger zu Raubzügen in das Dorf trieb. Da brachten ihm die Meiser vorsorglicherweise Schafe, Ziegen, ja kostbare Kälber hinaus an den Sumpf, weil sie damit das Untier von ihrem Dorfe fernzuhalten hofften. Aber was nützte das! Auf die Dauer verarmten sie, und der Drache wurde nur gefräßiger und zudringlicher. Da kamen sie auf den Gedanken, beim Ellberg große Netze aufzuspannen; sie glaubten, das gräßliche Zaubertier verfange sich darin und sterbe dann elendiglich des Hungertodes. Aber sie verrechneten sich, es ging ihnen nicht in die Netze und breitete seine fürchterliche Herrschaft weiter aus. Es kam auch kein starker Mann daher, der sie vom Drachen befreit hätte, sie mochten noch so lange in die Ferne schauen.

Auf die selbstverständlichste Möglichkeit, wie's eben oft im Leben geht, kamen sie erst in der letzten Not. Wenn die irdischen Kräfte nichts ausrichten, kann von himmlischer Seite her Hilfe kommen. Neun Tage lang beteten sie zur Mutter Gottes; sie versprachen ihr, eine Kapelle zu bauen, wenn sie sie in ihrer Güte von dem Unheil erlöse. Man sagt oft: Es ist kaum zu glauben, wenn ein Wunder geschieht, so kurzgläubig sind wir. Aber die Meiser glaubten zuletzt doch an die Macht Marias, und sie täuschten sich nicht. Weil ihr Gebet und ihr Gelübde aus gläubigen Herzen emporstieg, wurden sie auch erhört. Der böse Drache zeigte sich nicht mehr, weiß der Himmel, wo er gelandet ist. Die Meiser atmeten auf, weil sie ihre Kälber und Ziegen für sich behalten konnten. Das Gelübde aber hielten sie treulich: Sie erbauten die kleine Wallfahrtskirche Mariahilf.

Wer diese Geschichte nicht glaubt, erspäht oben auf dem Turm einen Drachenkopf, was ihm sicher als Beweis gelten darf. Und wenn einer noch ungläubig ist, diene ihm der Hinweis, daß in der Nähe der Kirche die Felsenlöcher immer noch "Drachenlöcher" genannt werden, als eine weitere Bestätigung dieser Geschichte aus gefährlicher Zeit.

Quelle: Dino Larese, Liechtensteiner Sagen, Basel 1970, S. 61