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Der gute Geist

Daß es nicht nur böse Geister gibt, die den Menschen in der Nacht aufwecken oder gar Schlimmeres verüben, sondern auch gutgesinnte Gespenster, die dem Menschen in mancher Not helfen, weiß man aus einer Ge schichte, die Otto Seger aufgeschrieben hat. Er erzählt, daß in einem Haus in Triesenberg sich ein Geist bemerkbar machte, der von vielen nicht gesehen wurde; aber sie hörten seine leisen Schritte, und wenn er vorbeischwebte, war es wie ein leichter Windzug, der kalt über den Nacken zog. Mit einem Geist zusammenzuleben ist ein schwieriges Unterfangen. Die Leute wurden nervös, sie fanden keine Ruhe mehr und hatten zuletzt eine richtige Angst, die sie aus dem Hause trieb. Lange Zeit stand das verrufene Haus leer; keiner getraute sich mehr darin zu leben, begreiflicherweise, bis ein Mann, der nur wenig Geld besaß, den Mut aufbrachte, das Haus zu kaufen; denn es war zu einem billigen Preis zu haben, und er hätte gerne etwas Eigenes gehabt. Seine Familie aber bekam es mit der Angst zu tun, die Frau sagte: "Da schlafe ich lieber in einer Scheune", und auch die Kinder wollten nicht in das Geisterhaus einziehen. Der Mann aber, unerschrocken, und weil er wahrscheinlich nicht an Geister glaubte, machte seinen Leuten den Vorschlag: "Gut, ich schlafe heute allein in dem Hause, dann kann ich euch morgen sagen, ob die Geschichte stimmt oder ob alles nur ein Märchen ist."

Als es dunkel wurde, trat er in sein Haus. Im Dämmerlicht bemerkte er nun wirklich einen merkwürdigen Schatten auf der Treppe; als er nähertrat, sah er doch mit einigem Erstaunen, daß da wirklich ein richtiges Gespenst mit allem Zubehör stand und ihn mit merkwürdig toten Augen anstarrte. Ein anderer wäre wahrscheinlich jetzt mit einem Schrei davongerannt, nicht aber unser Vater; er trat noch näher an das seltsame Wesen heran und sagte ungefähr: "Ich fürchte mich nicht vor dir" - was auch stimmte, denn er besaß ein ehrliches Herz - "das Haus ist jetzt mein, und ich möchte mit meiner Familie darin wohnen. Meine Leute aber haben Angst vor dir; kannst du mir nicht wenigstens soweit entgegenkommen, daß du dich vor meiner Frau und meinen Kindern unsichtbar machst?" Der Geist redete wie ein verständiger Mann und sagte mit hohler Stimme: "Ja, das will ich tun." Er war eben ein gutgesinnter Geist.

Der Mann ging friedlich zu Bett, betete, ließ sich von keinem ungewohnten Geräusch beirren und schlief selig bis zur Morgenfrühe. Fröhlich ging er zu seinen Leuten; er sagte, es sei wirklich kein Geist im Hause zu sehen, was jetzt auch stimmte, und sie könnten ruhig im Hause wohnen. Das taten sie auch; sie bemerkten wirklich keinen Geist, während der Mann ihm immer wieder begegnete; er tippte dann mit dem Finger an die Stirne, als sagte er ihm heimlich Grüß Gott. Mit der Zeit gewöhnte er sich an ihn wie an einen gutgesinnten Hausbewohner.

Wie gut es der Geist mit ihm meinte, erlebte er einige Zeit später. Er saß einmal abends im Wirtshaus beim Kartenspiel, als es draußen an das Fenster klopfte. Alle blickten auf und dachten, es sei ein Windstoß, nur unser Vater erkannte sofort den Geist, der draußen im Dunkeln schwebte. Er eilte vor die Tür. Dort flüsterte ihm der Geist zu: "Komm sofort heim, dein Haus brennt!" Da eilten beide in gestrecktem Laufe heim, wo eine große Aufregung herrschte. Aber mit vereinten Kräften konnten sie das Feuer löschen, das zum Glück nur geringen Schaden verursacht hatte.

Das zweite Erlebnis geschah kurze Zeit später. Der Vater war im Walde mit Holzen beschäftigt, da stupfte ihn jemand auf die Schulter. Als er sich umdrehte, stand der Geist vor ihm und sagte: "Komm sofort heim, eine Kuh ist am Ersticken!" Der Mann ließ das Beil fallen, eilte nach Hause und konnte die Kuh noch retten.

Die dritte Begebenheit aber war die seltsamste von allen Hilfeleistungen des Geistes. Der Mann war verreist. Als er in einer fernen Stadt über eine Straße schritt, schwebte der Geist plötzlich vor ihm her. Der Mann wußte sofort, daß wieder eine Gefahr im Anzug war. "Komm sofort heim", flüsterte der Geist, "deine Frau ist schwer erkrankt!"

Sie reisten zusammen heim, und auf dem Heimweg begann der Geist plötzlich mit einer hellen Stimme zu sprechen: " Du wirst dich gefragt haben, warum ich dir immer geholfen habe. Zu meinen Lebzeiten habe ich dreimal armen Leuten nicht geholfen, obwohl ich gut die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Da fand ich nach meinen Tode keine Ruhe im Grabe; ich mußte warten, bis jemand kam, der sich vor mir nicht fürchtete und dem ich dreimal helfen konnte. Nun bin ich erlöst, und du, lieber Mann, sollst von nun an ein glückliches Leben haben." Wie ein Nebelhauch verschwand der Geist. Der Mann ritt schneller und fand wirklich seine Frau mit schwerer Krankheit im Bett. Ein guter Arzt konnte ihr helfen, und dank der lieben Pflege ihrer Familie wurde sie bald wieder gesund. Der Vater saß oft sinnend vor dem Herdfeuer, als fehlte ihm etwas. Er dachte an den Hausgeist wie an einen guten Kameraden. Das Glück aber blieb seinem Hause treu. Keinem erzählte er etwas von seinen Begegnungen mit dem guten Geist; und wenn Otto Seger sie uns nicht erzählt hätte, wüßte niemand von uns, daß es auch helle und freundliche Lichter im Geisterreich gibt.

Quelle: Dino Larese, Liechtensteiner Sagen, Basel 1970, S. 65