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Das Nachtvolk

Wie das ist, wenn man schlaflos im Bette liegt und auf die Geräusche der Nacht horcht! Ist es das Murmeln des Baches, ein Glockenton, ein fallendes Blatt, der Wind? In den alten Zeiten kam es vor, daß man Schritte von vielen Menschen hörte, die draussen wie in einer langen Prozession vorbeizogen. Ein dumpfes Gemurmel, als beteten sie, drang durch die Fenster herein. Die alten Leute wußten, was das bedeutete. Sie beteten leise für ihr Seelenheil und hüteten sich wohl, an das Fenster zu gehen; denn es war das Nachtvolk, das draußen vorbeizog, ein Zug von Abgeschiedenen, die keine Ruhe fanden. Wohl trieb es manchen Vorwitzigen und Neugierigen dennoch ans Fenster; denn man erzählte sich, daß in der letzten Reihe der murmelnden Gestalten jene Menschen zu sehen waren, die noch lebten, denen aber damit angezeigt war, daß sie bald sterben mußten.

Einmal erwachte ein älteres Ehepaar, weil es draußen auf der Straße die Schritte und das Murmeln des Nachtvolks hörte. Die neugierige Frau, die sich selber nicht getraute es zu tun, die aber gerne das Neueste im Dorf e wissen wollte, sagte aufgeregt zu ihrem Mann: "Du, das Nachtvolk geht vorbei. Schau doch schnell einmal hinaus, dann siehst du, wer bald sterben muß, und wir können für ihn ein Vaterunser beten." Der Mann kleidete sich im Dunkeln an, mit Mühe fand er seine Socken, dann öffnete er vorsichtig den Fensterladen und spähte hinaus. Er schaute den schemenhaften Gestalten nach, und als seine Frau aufgeregt flüsterte, wer zuhinterst in der Reihe gehe, schüttelte er nur den Kopf: "Ich kann es nicht genau sagen, es ist so dunkel, aber irgendwie kommt mir die Gestalt bekannt vor. Merkwürdig ist nur, daß sie zwei verschiedene Socken trägt, einen hellen und einen schwarzen."

Dann schloß er den Fensterladen; er machte nun Licht, um sich wieder auszuziehen, währenddem die Frau daran herumrätselte, wer diese Gestalt sein könnte. Als der Mann seine Socken auszog, fuhr ihm der Schrecken in die Glieder; denn er bemerkte, daß er in der Dunkelheit zwei verschiedene Socken, einen hellen und einen schwarzen, angezogen hatte. Der helle Socken gehörte seiner Frau, in der Finsternis hatte er sie verwechselt. Er brachte kein Wort heraus; seine Frau wollte Näheres wissen, um es am Morgen den Nachbarsfrauen am Brunnen zu erzählen, er aber legte sich schweigend zu Bett.

Nach einer Woche geschah das Angekündigte: Er stürzte vom Heuboden und war tot. Er hatte sich selber im Zug des Nachtvolkes gesehen.

Quelle: Dino Larese, Liechtensteiner Sagen, Basel 1970, S. 63