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Der Schimmelreiter

Nicht nur droben im Norden bei den Deichen Schleswigs geistert der Schimmelreiter über die einsamen Ebenen, auch im Liechtensteinischen reitet ein toter Mann auf einem Schimmel über den Malanser, um Untaten zu sühnen, die er in seinem Leben begangen hat. Der Malanser ist ein Hügel bei Eschen, wo noch Trümmer einer Burg zu sehen sind. In dieser Burg hauste ein Raubritter, wie Eugen Nipp zu erzählen weiß, der mit seinen Knechten die ganze Gegend plagte und wie ein Alpdruck auf den Gemütern der einfachen Leute lastete. Er trieb es gar schlimm, raubte und stahl, überfiel Wehrlose, schändete Menschen und zerstörte Häuser und Saaten. Aber einmal ging den geplagten Bauern doch die Geduld aus; in dunkler Nacht sammelten sich heimlich die Bewohner von Eschen und Mauren und verschworen sich gegen den raubgierigen Ritter.

An einem Sonntag verließen sie ihre Dörfer und zogen auf die umliegenden Höhen, wo sie auf die Dunkelheit warteten; denn sie wußten, daß der Ritter mit seinen Knechten ein Fest feiern wollte, bei dem der Wein in Strömen fließen sollte. Die lauernden Bauern mußten nicht lange auf ihre Gelegenheit warten; denn schon von weither hörte man das Gegröhl der betrunkenen Schloßbewohner. Die Bauern schlichen herbei und zündeten an vielen Stellen das Schloß an, das nach kurzer Zeit lichterloh brannte. Wie ein Freiheitsfeuer stand die Glut am nächtlichen Himmel. Die Knechte in ihrem Rausche konnten ihrem Schicksal nicht entrinnen und gingen elendiglich zugrunde. Nur dem Ritter gelang es, dem Feuertode zu entrinnen. Er sprengte auf seinem Schimmel zum Schloß hinaus. Aber die Bauern hatten mit dieser Flucht gerechnet; von allen Seiten schnitten sie dem Flüchtenden den Weg ab, so daß er keinen Ausweg mehr fand und immer näher an die steilen Felsen des Malansers getrieben wurde. Man weiß nicht, ob er dann selbst in die Tiefe hinuntersprang, oder ob sein Pferd in der Angst ausglitt. Der Raubritter stürzte über die Felsen zu Tode.

Aber er fand keine Ruhe. Seither reitet er auf seinem Schimmel friedlos über die Hänge des Malansers und muß weiterreiten, bis er allen Schaden gutgemacht hat, den er zu seinen Lebzeiten angerichtet hat.

Quelle: Dino Larese, Liechtensteiner Sagen, Basel 1970, S. 18