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Der Schloßgeist

Vor alter Zeit saßen einmal zu später Stunde in einer niederen Gaststube in Vaduz drei Bürgersöhne in froher Weinlaune beisammen. Beim eifrigen Kartenspiel verspürten sie keine Lust zu einem zeitigen Aufbruch, obwohl der behäbige Wirt, der gerne seine Lagerstatt aufgesucht hätte, mehr als einmal vernehmlich hüstelte und auch deutlichere Bemerkungen machte. Ob es nun am Weine lag oder einfach dem Jugendübermut zuzuschreiben war, die jungen Leute kamen auch auf das Gruseln und Fürchten zu sprechen, und jeder rühmte sich seines stets bewiesenen Mutes. Der Wirt, hier eine Gelegenheit witternd, die es ihm ermöglichte, die Gäste wegzuschicken, mischte sich ins Gespräch und meinte lachend: "He, das wäre zu beweisen. Ihr wißt doch, daß in unserem Schloß oben jede Mitternacht ein Geist erscheint. Wenn ihr nun solchen Mut zeigt, geht doch heute einmal hinauf und beweist eure Unerschrockenheit, es ist ja bald Mitternacht."

"He, warum nicht, ich bin sofort dabei", rief keck der jüngste der drei jungen Burschen und erhob sich unternehmungslustig. Auch die beiden anderen waren sofort dabei, und unter Gelächter und frommen Wünschen des listig lächelnden Wirtes verließen sie die Gaststube und wanderten in die freundliche Nacht hinaus und zum Schloß hinauf.

Hier trat der junge Bursche in das verrufene Zimmer, in dem nur Bett, Tisch und Stuhl standen. Zum Beweis, daß er wirklich die ganze Nacht in diesem Geisterzimmer verbringen wollte, hieß er seine Freunde die Zimmertüre von außen verriegeln, was sie auch taten. Vom Kirchturm schlug es eben Mitternacht, als die beiden Burschen, ihrem zurückbleibenden Freunde noch eine gute Nacht zurufend, das Schloß verließen und übermütig lachend nach Vaduz zurückkehrten.

Am andern Morgen in aller Frühe, denn die Spannung dieses aufregenden Abenteuers hatte sie kaum einen rechten Schlaf finden lassen, zogen sie zum Schloß hinauf, um ihren Freund zu beglückwünschen für seinen Mut oder ihn auch auszulachen, wenn er etwa eine angstvolle Nacht verbracht hätte.

Sie waren aber doch einigermaßen verwundert, als die von ihnen verschlossene Zimmertür geöffnet war. Etwas betreten und auch vorsichtig traten sie in das Zimmer und suchten ihren Freund, den sie aber nirgends erblickten; das Bett schien kaum benützt zu sein. Da erschreckte sie ein Stöhnen und Seufzen, und als sie nachsahen, erblickten sie unter dem Bett eine zusammengerollte Gestalt. Als sie sie hervorgezogen hatten, erkannten sie ihren Freund, der wie halbtot in einem tiefen Schlafe lag, mit blutleeren Wangen und glasigen Augen. Sie weckten ihn mit Mühe auf, und nachdem er einigermaßen zu sich gekommen war und seine Freunde erkannt hatte, erzählte er ihnen stockend, mit halberstickter Stimme: "Ihr wäret eben fortgegangen, und ich hörte noch eure Schritte durch das Fenster. Kaum war der letzte Schlag unserer Dorfuhr verklungen, rasselte es gar fürchterlich vor der Kammertür. Ich dachte mir: Zum Glück ist sie verschlossen, und blieb atemlos lauschend stehen. Aber da sprang die Türe wie von einem Schlage getroffen auf, und meine Augen sahen im bleichen Licht der Nacht eine unheimliche weiße Gestalt. O Gott, nie mehr vergesse ich das! Sie war ganz von Ketten umhüllt. Langsam trat sie herein, gerade auf mich zu, die Ketten rasselten schaurig, und dann griff sie mit einer seltsamen Gebärde nach meiner Hand. Ich wußte nicht mehr, was ich tat in meiner Angst. Eiskalt lief mir das Grausen den Rücken hinunter. Ich suchte Rettung und sprang in meiner Verzweiflung unter das Bett, wo mir die Sinne schwanden."

Die beiden Burschen waren sichtlich beeindruckt von der Geschichte ihres Freundes. Sie musterten mit ängstlichen Augen das Zimmer und führten dann den zitternden, bleichen und zusammengefallenen Burschen nach Hause.

Wie Eugen Nipp, der diese Sage erzählte, später mitteilte, starb der vorwitzige Bursche noch gleichen Tages. Ich meine, man soll, besonders wenn es sich um Geister handelt, nie den Mund zu voll nehmen. Es gibt mancherlei unerklärliche Dinge...

Quelle: Dino Larese, Liechtensteiner Sagen, Basel 1970, S. 11