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Schwere Strafe

Wie uns die alten Geschichten berichten, bekamen die Bösewichte immer ihren Lohn; wenn auch oft nicht im diesseitigen Leben, so traf sie doch die Strafe für ihre Schurkereien, und sie mußten dann im jenseitigen Leben ruhelos ihre Taten sühnen. So erging es dem Gritschner Poli, einem Sennen auf der Alp Gritsch. Er hieß eigentlich Paul, aber man nannte ihn nur den Poli. Er stahl im Sommer den Bauern Butter und Käse und versteckte das geraubte Gut in einer Höhle. Wenn dann im Herbst die Zeit der Alpabfahrt kam, brachte er die Ware auf heimlichen Wegen ins Tal hinunter und verkaufte sie ins Bündnerland. Zu seinen Lebzeiten wurde er nie erwischt, aber die Strafe traf ihn nach seinem Tode. Heute noch, so flüstert man sich zu, haust er nämlich in jener Höhle, Polis Loch genannt, und schreckhafte einfältige Hirten haben ihn auch schon gesehen, wenn er an Nebelabenden schattengleich über die Alp irrte.

Den Uli Mariß aber ereilte die Strafe schon in diesem Leben. Es war zur Zeit des Schwabenkrieges, da die Eidgenossen in hellen Haufen über den Rhein ins Österreichische stürmten und das berühmte Frastanz erobern wollten. Bei Tisis löste sich eine kleine Schar aus dem Gewalthaufen und wandte sich nach Planken. Da die Krieger den Weg nicht kannten, suchten sie sich einen Führer, aber alle verweigerten den verräterischen Dienst trotz goldener Lockungen; sie stellten sich dumm, oder sie sagten, sie hätten keine Ahnung von dem Weg. Nur der Uli Mariß, der in Schaan wohnte, drängte sich heran und anerbot seine Dienste, weil er auf Gold und Reichtum hoffte.

Die Sage erzählt, wie er den Eidgenossen, Erbsen streuend, vorausging; er wollte nämlich nicht, daß ihn seine Leute im Haufen der Eidgenossen entdeckten und dann als Verräter verschrien. Die Eidgenossen folgten den Erbsen, die den Weg zur Höhe wiesen, von wo aus sie ihr Ziel gut erkennen und auf den Führer verzichten konnten. Hier wartete nun der Uli Mariß auf die nachrückenden Eidgenossen. Er verlangte von ihnen den versprochenen Lohn. Da trat der Hauptmann der Eidgenossen vor den Uli und sagte: " Knie nieder und nimm den Hut in die Hand, dann kriegst du deinen Lohn!" Der Uli Mariß freute sich auf das klingende Geld, das in seinen Hut rollen sollte, und kniete erwartungsvoll nieder. Aber da hieb der Hauptmann dem Verräter mit mächtigem Schlag den Kopf ab, der wie eine Kugel in den Hut rollte. Das war der Lohn für den Verräter. Die Eidgenossen aber zogen hinüber zur Alp Saroya, die den Frastanzern gehörte, und niemand sprach mehr von Uli Mariß, der für seine Untat schon in diesem Leben seine furchtbare Strafe erhalten hatte.

Quelle: Dino Larese, Liechtensteiner Sagen, Basel 1970, S. 45