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Der Untergang des Bades

Das Unglück kommt meistens ungerufen, was soll man es da noch herausfordern! Aber wem es gar zu gut geht, der sieht vor lauter Übermut nur seine eigene Größe. Wie schnell kommt man da zu Fall! Das mußte auch der Wirt jenes weitherum bekannten Bades und Gasthauses, das zwischen Nofels und Ruggel etwas abseits der Straße lag, bitter erfahren. Lehrer Heeb in Mauren hat uns überliefert, daß diese Gaststätte wegen ihres heilkräftigen Schwefelwassers und der guten Küche nicht nur von Leidenden, sondern vorwiegend von leichtsinnigen und genußsüchtigen Menschen besucht wurde. Da ging es immer hoch her; es wurde im Übermaß getrunken, gegessen, getanzt und auch Ärgeres getrieben; man munkelte viel Schlimmes über das sündhafte Getriebe, das immer bis in die Morgenfrühe dauerte. Aber wenn man den Wirt ermahnte und auch von der Obrigkeit her warnte, lachte er nur höhnisch, klingelte im Hosensack mit dem leichtverdienten Geld und brüstete sich in seiner Sattheit mit seinem Leibspruch: "Lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel das Spiel verdorben."

Doch man soll den Teufel nicht an die Wand malen, heißt ein altes Wort. Es war am Fastnachtsdienstag. Der Wirt hatte keine Mühe gescheut, in seinem Bad ein ausgelassenes Fest anzurichten. Das dampfte und brutzelte in der Küche, die Musik spielte auf, der Wein floß in Strömen, und tiefer in der Nacht sah kaum einer noch den Nächsten. Sie gröhlten und torkelten im Rausch herum. Die Hitze und der Wein stiegen ihnen zu Kopf, und sie fluchten und hielten unflätige Reden. Es gab wohl einige, die noch einigermassen bei Verstand geblieben waren, und das war ihr Heil. Sie mahnten eindringlich, man solle doch um Mitternacht mit der Festerei aufhören und nicht die beginnende Fastenzeit mit wüstem Gelage entweihen. Ach, sie sprachen an tote Wände! Der Wirt wurde nur rot vor Wut, daß man ihm die Gäste abspenstig machen wollte. Er stampfte auf und schrie: "Frömmler, Bettanten, geht, hinaus mit euch! Lieber will ich mit meinen Gästen in die Hölle fahren, als mit euch Fastenpsalmen singen, ha!"

Oh, diese schlimmen Lästerungen! Er wandte sich an seine Musiker, trieb sie zu wilderem Spiele an, holte neuen Wein und war der Schlimmsten einer.

Da verzogen sich einige Gäste, die noch ein Gewissen hatten und sich über die lästerlichen Reden des Wirtes aufregten, aus dem Gasthaus und schritten hinaus in die große Stille der Nacht. Aber sie hatten kaum einige Schritte gemacht, da fuhren sie von einem kalten Schauder getroffen zusammen. Es war, als bebte die Erde, und hinter ihrem Rücken krachte es fürchterlich, daß sie sich voller Schrecken umwandten. Was sie nun sahen, ließ sie erstarren in ihrem Entsetzen: Das Gasthaus versank vor ihren Augen in die Tiefe wie ein Schiff, das auf wildem Meer plötzlich untergeht. Ach, die berauschten Leute im Gasthaus merkten nichts von ihrem Untergang! Sie johlten weiter, die Musik spielte, und immer ferner klang es aus der Tiefe herauf. Dann verstummte alles; nur noch eine kleine Weile stieg aus dem Kamin eine schwarze Rauchsäule. Dann legte die Nacht wie einen Schleier ihr Dunkel über die unglückliche Stätte. Die Geretteten aber jagten, gepeinigt von Ängsten und doch dankerfüllt über ihre wundersame Rettung, nach Hause.

Als sich die Kunde von diesem unglaublichen Geschehen durch die Dörfer verbreitete, begab sich anderntags alles hinaus auf die Landstaße, um sich über das schlimme Gerücht zu vergewissern. Und als sie an die Stelle kamen, wo das schöne Bad gestanden hatte, sahen sie es mit eigenen Augen: Da war nichts mehr als ein dunkler Wassertümpel, in dem einige Frösche quakten.

Quelle: Dino Larese, Liechtensteiner Sagen, Basel 1970, S. 20