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DER OBERRHEIN

Vor urdenklichen Zeiten, als Vorarlberg noch Wald und Sumpf war, sind in der Gegend des heutigen Ems und Lustenau bloß etliche zwanzig Hütten gestanden für Jäger und Fischer. Auch ein paar Grafenschlösser waren da. Da sagte einmal ein Grafensohn zu seinem Vater: "Vater, es wäre doch für unser Land viel besser, wenn ein Fluß hindurchginge." Darauf ist der Graf ins Oberland gegangen und hat den Rhein, der früher durch den Züricher See floß, durch das Vorarlbergische heruntergewiesen. Seit der Zeit tut der Strom dem Land aber fast alle Jahrzehnte großen Schaden.

Man erzählt hie und da von einer großmächtigen, aus Süden nach Norden strömenden Meerflut, die einst den ganzen jetzigen Linthkessel, von Baden bis Schwanden im Kanton Glarus, ferner die Talflächen des Gaster und Sarganser Gebietes bis nach Chur hinauf aufgefüllt, den Lägerberg bei Baden, den Sdiollberg bei Sargans endlich durchbrochen und der ganzen Gegend eine andere Gestalt gegeben haben soll. Soviel ist gewiß, daß die Berge in der Gegend von Sargans, die Kuhfirsten an der Südseite usw. deutliche Spuren eines einstigen um etwa 300 m höher gelegenen Wasserstandes zeigen. Vor der Zeit des erwähnten Durchbruches beim Sdiollberg würde der Rhein keinen andern Abfluß als den durch den Wallenstädter See, durch den Züricher See nach Baden bis in die Gegend von Zurzach und Waldshut gehabt haben können. Noch jetzt ist die Scheide, die den Rhein vom Wallenstädter See trennt, die sogenannte Putzscheere, nur einige Meter über dem Spiegel des Rheins erhaben, und bei den großen Überschwemmungen der Jahre 1618, 1817, 1821 verhinderten nur die ungeheuren Anstrengungen der Bewohner einen Durchbruch nach Sargans in den Wallenstädter See.

Nach dem Durchbruch der großen Flut zwischen dem Sdiollberg und dem Fläscherberg (Falknis) nahm der Strom seinen Weg durch das jetzige Rheinland, das mit nördlicher Hauptrichtung sich bis an den Bodensee erstreckt. Er fließt in breitem Bett, nicht selten Flußinseln, sogenannte Werder bildend, zwischen niedrigen, hin und wider mit Bäumen und Buschwerk besetzten Ufern, die er leider gar oft übertritt.


Quelle: Die Sagen Vorarlbergs. Mit Beiträgen aus Liechtenstein, Franz Josef Vonbun, Nr. 212, Seite 157