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Folgert von Haestrecht

Folgert, Herr von Lederdam und Haestrecht, war ein gar gottloser und böswilliger Mann. Er hatte mit dem Teufel einen Verbund gemacht und ihm Leib und Seele verschrieben und dagegen von ihm langes Leben, Schändung all seiner Feinde, und Gewährung jedes argen Wunsches zugesagt bekommen; auch hatte er außerdem die Macht, sich in jegliches Tier der Welt verwandeln zu können.

Zu einer Zeit hatte Folgert grimmigen Hass auf Herrn Jan van Arkel, zubenamt der Starke, geworfen, ohne dass dieser ihn jedoch beleidigt gehabt hätte. Nachdem er ihm lange aufgelauert und keine Gelegenheit zur Ausführung seiner bösen Anschläge gefunden hatte, entbot er vier Tage vor Christtag den Küster der arkelschen Kirche zu sich und gewann den mit großen Summen. Darnach befahl er ihm, sobald Jan van Arkel in der heiligen Nacht die Kirche betreten hätte, die Türen zu schließen und ein Zeichen mit der Glocke zu geben, worauf er denn seiner Wut gegen Jan vollen Lauf lassen wollte.

Die Weihenacht kam, viele aus dem Schlosse Arkel eilten zur Kirche und unter ihnen auch Herr Jan mit acht bis zehn seiner Knappen und deren Knechten, nicht jedoch Frau Bertha, welche ihrer Schwangerschaft halben mit ihrem Gefolge auf der Burg zurück blieb. Der Küster schloss alsbald zwei Türen; indem er sich aber eben nach der Türe gen Westen wenden wollte, fühlte Herr Jan Schmerzen im Bauche und verließ hastig, doch still und unbemerkt mit vier oder fünf Edelknechten die Kirche, ohne dass der Küster etwas davon gewahrt hätte. Der schloss in aller Ruhe auch die letzte Türe und tat drei Schläge an die große Glocke, worauf Folgert mit den Seinen plötzlich die Kirche umzingelte und an allen Ecken anzündete, so dass Geistliche und Weltliche, Männer, Weiber und Kinder alle jämmerlich verbrannten, ein Knäblein ausgenommen, welches Folgert aus der Taufe gehoben hatte und von ihm aus einem Fenster gezogen wurde.

Herr Jan hatte an der Westseite der Kirche, in der Poelstraat, ein starkes steinernes Haus, welches wohl umgraben und umwallt war; dahin floh er und ließ die Brücke aufziehen und schaute unter strömenden Tränen dem Brande der Kirche zu, aus der das Weherufen und Hülfegeschrei der Unglücklichen schrecklich herklang. Da blieb er bis zum Hochtage, indes Folgert nach Lederdam zurück zog, und da fanden ihn auch die von Gorinchem, Arkel und andere, wie er mit schmerzlich gerungenen Händen die in der Kirche Ermordeten vor dem Kreuzaltar begraben ließ.

Der Küster wurde alsbald eingezogen und nachdem er seinen Anteil an der Tat eingestanden und Folgert als Urheber derselben angegeben hatte, mit glühenden Zangen gekniffen und alsdann verbrannt. Als Folgert das vernahm, flüchtete er nach Deutschland, die Teufel verfluchend, welche ihn also hatten betrogen werden lassen. Er blieb aber nicht lange in Deutschland, sondern kehrte unlange nachher heimlich zurück und durchstach, unter Mithülfe einiger Deichmeister, bei Nacht und Nebel den Deich von Arkel, wodurch die ganze Gegend unter Wasser gesetzt wurde und viele Menschen und Tiere ihr Leben ließen.

Nach Haestrecht dann zurückkehrend, versammelte er am folgenden Himmelfahrtstage seine Freunde, um in deren Gesellschaft sich der gräulichen Missetaten recht zu freuen. Da floss nun der Wein in Strömen, und da fehlte es nicht an gotteslästerlichen Worten und Flüchen. Und zu Ende der Mahlzeit war Folgert trunken von Wein und rief höhnisch seine Teufel an und trieb große Sündlichkeiten, und da kam der Teufel plötzlich gefahren und riss ihn mit sich fort durch die Luft, so dass man von ihm nichts mehr hörte noch sah, ausgenommen drei Tröpflein Blutes, welche auf der Stelle niederfielen, wo er gestanden hatte.

Seitdem spukte er auf seinem Schlosse herum und machte daselbst ein gräuliches Getöse, so dass keiner sich getrauen wollte, dort zu wohnen. Er wurde unter allerlei Tiergestalten bald in diesem, bald in jenem Zimmer gesehen; wenn die Knechte und Mägde mit einem Lichte in den oberen Teil der Burg kamen, dann sprang er vor ihnen herum und flehte um Gnade; auch fiel er häufig auf die Erde nieder, als wenn ein Geist ihm einen harten Schlag versetzt hätte.

Später wollte sein Sohn Pelegrin, der auch ein sehr böser Mensch war, das Schloss abbrechen, weil kein Mensch sich daselbst aufhalten konnte; doch wich da plötzlich der Spuk und ward nicht mehr gehört noch gesehen.

Quelle: Johann Wilhelm Wolf, Niederländische Sagen, Leipzig 1843