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Hengist und Horsa

Anno dreihundert und sechzig im Beginne des Jahres wurde Udolph Haron in der Regierung seines Vaters (über die Friesen) angenommen und befestigt. Anno dreihundert ein und sechzig ist ihm ein Sohn geboren worden, den er Hengist nannte, worüber all seine Untersassen sehr erfreut waren. Anno dreihundert drei und sechzig ist ihm ein zweiter Sohn geboren worden, den er Horsus hat nennen lassen, wodurch die Freude der Untersassen noch gemehret wurde.

Anno dreihundert vier und siebenzig sandte Udolph der Friesenherzog, seine beiden Söhne, die vorgenannten Hengist und Horsa, zu Valentinian, dem römischen Kaiser, um Kriegshandel, Ehrbarkeiten und alle ritterlichen Manieren zu lernen, womit er demselben Kaiser einen angenehmen Dienst und Wohlgefallen tat.

Anno dreihundert drei und achtzig kamen Herzog Udolph's zwei Söhne wieder nach Friesland, wo sie blieben bis Anno dreihundert und fünf und achtzig, denn da ist ein groß Geruf vor den Herzog gekommen, wie dass seine Lande zu voll und überflüssig von Leuten wären; begehrten deshalb, er sollte die alten Gesetze und Gebräuche seiner Vorväter nicht vergessen, sondern nun bei diesen notlichen Zeiten wieder erneuen und in Kraft stellen, denn es wäre nicht möglich, dass alle Kost hätten.

Als dies der Herzog hörte, ließ er auf ihr Gesuch und Begehren in allen Städten, Dörfern und Flecken die schönsten, jüngsten und frommsten (tapfersten) des Landes versammeln, um zu losen, wem es zu Teil fallen werde, auszuziehen, damit er also das Land lichte von der Überfülle des Volkes. Und dabei sparte er nach den alten Bräuchen seiner eigenen Kindern nicht, so dass auf Hengist und Horsa dies Loos auszuziehen mit gefallen ist und diese wurden als Herrn und Führer über die Andern angestellt. Als nun alle Dinge fertig waren und die Schiffe, mit denen sie fahren sollten, bereit, sind sie Anno dreihundert und fünf und achtzig unter Segel gegangen und mit vorsputigem Winde nach Brittanien (welches man nachmals Engeland hieß) gekommen. Als solches dem Könige Vortigern gebotschaftet wurde, ist er alsbald zu ihnen gekommen. Da er am Wesen der Zwei sah, dass sie den andern allen übergingen, grüßte er sie und fragte sie vor allen andern, warum sie also gewappnet mit Macht von Volk zu seinem Lande und Königreiche gekommen wären. Da antwortete Hengist, welcher der älteste und der beredteste war, dem Könige, wer sie wären und woher sie kamen, und sprach alsdann folgendermaßen: „Und wir, die gehorsam sein wollten unsern Obern nach Einsetzung und Befehl, sind zu Schiffe gegangen und mit des Gottes Wodan Geleit (denn dieser wurde in Dockenburg geehrt) alhier in euer Königreich gekommen, um euch oder einem andern Fürsten, dem es gelieben wird, zu Dienste zu sein.“

Als der König Wodans Namen nennen hörte, fragte er zur Stunde, wessen Glaubens und welcher Religion sie wären? und als ihn Hengist über alles unterrichtet hatte, sprach der König wiederum: „Von wegen eures Glaubens, der nur Unglaube ist, bin ich höchlich betrübt, andernsinns von wegen eurer Ankunft höchlich erfreut, denn ich werde euch nötig haben gegen meine Feinde, und dienet ihr mir getreulich und helfet mir mein Land beschirmen, so soll euer Sold und Lohn groß sein.“ Als Hengist mit seinen Friesen, Angern oder Niedersachsen dies hörte, waren sie zur Stunde bereit und schwuren, dem König als Männer von Ehre getreu zu sein.

Kurze Zeit darnach sind die Schotten dem Könige ins Land gefallen, aber durch die Frommheit Hengists und seiner Friesen und Niedersachsen, die immer die Vorhut bei dem Heere hatten, aus dem Felde geschlagen worden, und der König sehend, dass er ihnen also große Victorie verdanke, dankte ihnen herzlich und begabte sie mit reichen Geschenken, dann ließ er einen Jeden zu dem Seinen ziehen.

Hengist aber, der gar klug von Verstand war, merkte wohl, dass er dadurch Gnade bei dem Könige erworben hatte und sehend, dass der König nicht sehr geliebt und geachtet war in dem Lande, bot er ihm an, noch mehr Volk aus Friesland zu verschreiben. Das behagte dem Könige wohl und er ließ Hengist es tun.

Nach diesem kam Hengist einmal wieder zum Könige und sprach, dass der König ihn noch nicht nach Würden begabet hätte, wie es einem Herzogssohne von Friesland gebühre, und bat ihn, dass er ihm eine Festung geben möge, in welcher er mit seinen Rittern und Friesen geachtet und geehrt leben könnte. Worauf der König ihm kürzlich entgegnete: dass die Gesetze der Vorväter verböten, Fremdlingen einiges Land einzuräumen und zu schenken; auch würde er sich dadurch die Ungunst der Brittanier, seiner Untertanen, auf den Hals holen; darum bäte er Hengist, nicht auf sothane kleine Giften zu schauen, sondern auf sein gut Herz.

Da sprach Hengist: „Dann gebet und verleihet mir nur soviel Landes, als ich mit einer Ochsenhaut umlegen mag, um daselbst mir eine Festung zu bauen.“ Das gönnte ihm der König alsbald. Da schnitt Hengist die Ochsenhaut in kleine lange Riemen, die er um einen steinartigen Boden legte, und zimmerte daselbst mit großem Eifer eine Stadt, nannte diese in friesischer Sprache Cancastra, welches nun Lancaster heißet.

Als dies nun meist alles vollbracht war, ist noch ein großer Haufe gewappneten Volkes aus Friesland gekommen, welche Hengist alle in der neuen Stadt aufnahm. Darunter war auch seiner Schwester Tochter, die überschöne Ronixa. Darum entbot er den König, die neue Stadt und das angekommene Volk zu sehen, welches der König zur Stunde tat, und hat ihm beides auch sehr wohl behaget und angestanden. Darnach ist er mit Hengist zur Tafel gesessen, wo er sehr ehrlich bedient und traktiert wurde.

Gegen das Ende der Mahlzeit kam die schöne Ronixa aus der Kammer, sehr schön und köstlich gezieret; sie hatte in ihrer Hand einen goldenen Kop oder Schale mit köstlichem Wein gefüllt, neigte sich dem König, fiel ihm zu Füßen und sprach: „Liever King wacht heyl.“ Der König, sie nicht verstehend, fragte seinen Kämmerling, was sie sagte, und dieser entgegnete: „Sie nennet euch König und begehrt, dass ihrs von ihr wachten wollt; darum saget: trinkt heyl“, welches der König tat. Da trank sie und gab es dann dem Könige, ihn küssend nach Landesweise. Als dies geschehen war, entbrannte der König sehr in Liebe zu ihr, so dass er sie von Hengist zu einer Hausfrauen begehrte. Dieser hielt Rath mit seinem Bruder und andern Herren und Räten und sagte sie dem Könige zu unter dem Beding, dass der König ihm alsdann die Ecke Landes, welche man Cantuarien hieß, für sein Volk gebe, welches auch also gelobt und geschehen ist. Und der König nahm Ronixa zu seiner Hausfrauen und hatte sie sehr lieb. Und davon ist nachher die Gewohnheit von Küssen und wacht Heil und trinkt Heil von den Friesen allda geblieben.

Da dieses Thun des Königs seinen Söhnen, den Prinzen und Herrn sehr missbehagte, baten sie ihn oftmals, er solle die Friesen wieder aus dem Lande ziehen lassen, worauf sie selten gute Antwort erlangten; sie warfen darum seinen einen Sohn zum König auf, und zogen also gesamt gegen die Friesen, gegen die sie einen harten Kampf kämpften, in dem Horsa, Hengists Bruder, tot und erschlagen blieb. Und die Friesen wurden meist alle wieder aus Brittanien vertrieben.

Kurz darnach ist der neuaufgeworfene König mit Gift vergeben worden und der Vater wieder ans Reich gekommen, und hat zur Stunde auf Anliegen von Ronixa, seiner Königin, Hengist wieder entboten, doch heimlich und mit wenig Volk. Nichts desto weniger kam Hengist mit viel Schiffen sehr stark ans Land, welches von dem König und seinen Herrn sehr übel genommen wurde; sie wollten darum, dass man die Friesen wieder von der Landesgrenze vertreibe. Als Ronixa dies verstund, ließ sie es ihrem Ohm zur Stunde wissen, der stracks Boten an den König sandte, um ihm anzusagen, dass er nicht das Land zu schädigen gekommen wäre, sondern allein, um den König zu fragen, ob er nicht einiges Volk zur Beschirmnis des Landes da zu halten begehrte. Der König möge ihm nun wissen lassen, welches sein Wille und seine Meinung wäre, auch Zeit und Ort anberaumen, wo sie zusammen kommen könnten um desfalls zu handeln.

Der König dies hörend, setzte den ersten Mai und Ambren fest, um dann und dort zusammen zu kommen, und wollte mit seinen Herren, Edeln und Baronen daselbst sein, warum Hengist seinen vornehmsten Edeln befahl, dass sie am bestimmten Tage jeder ein gut Schwert bei sich trügen, und wann er spräche: „Nimet oure saras“, dann sollten sie ihre Schwerter ziehen und jeder einen von des Königs Edeln durchstechen, der zunächst bei ihm stände, welches am bestimmten Tage also geschah, so dass von den edelsten Rittern und Rathsherren des Königs mehr denn vierhundert und fünfzig durchstochen wurden.

Darnach rasten die Friesen in großer Wut, um den Tod des Horsa zu rächen, und nahmen das meiste Land wieder ein, welches sie verloren hatten.

Quelle: Johann Wilhelm Wolf, Niederländische Sagen, Leipzig 1843