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Der Marienritter

In diesen Zeiten (1200) waren zwei berühmte Ritter; von denen hieß der eine Herr Walter Persijn und war Herrn Jan Persijns Sohn aus Holland, und der andere Herr Walewin van Leefdael, und der war Herrn Rogiers van Leefdael Sohn aus Brabant. Es geschah aber, dass diese zwei liebe Gesellen zu einem Turnier reiten sollten, und da beschlossen sie des Abends vorher, ehe sie dahin ritten, dass sie am andern Morgen frühezeitig aufstehen und eine Messe hören wollten, und also taten sie. Als aber die Messe aus war, da begann noch eine Messe zu Ehren unserer lieben Frauen, und weil Herr Walter die Muttergottes aus Herzensgrund liebte, so wollte er auch die Messe noch hören. Aber Herr Walewin, der weltlicher Ehren sehr gierig war, ritt zu dem Turnier, als die erste Messe zu Ende war, und wollte nicht bleiben, und da tat er viel Arbeit, um ritterlich Lob zu gewinnen. Als Herr Walter den Segen in der Liebfrauenmesse empfangen hatte, ritt er auch zum Turniere, doch als er dahin kam, waren alle Ritter schon müde und jeglicher wollte zu seiner Herberge reiten. Herr Walewin kam aber Herrn Walter entgegen, nahm ihn freundlich in seine Arme und sprach: „Herzallerliebster Geselle, Gott müsse dich benedeien, denn du hast allen Ruhm gewonnen unter also vielen Rittern.“ Ob dieser Ansprache neigte Herr Walter das Haupt und lachte, denn er wusste wohl, dass er nicht in dem Turniere gewesen war. Als er aber das Lob seines Namens sonder Ende von den Herolden ausrufen hörte, da verwunderte er sich und sprach zu Herrn Walewin: „Ei, lieber Geselle, ich bin heute nicht im Turniere gewesen, denn ich hörte, nachdem du von mir schiedest, noch eine Messe zu unserer lieben Frauen Ehre; so ist es denn Maria, welche mir dies Lob gibt, ohne dass ich es verdient hätte. Darum, allerliebster Geselle, wollen wir fürder ablassen von weltlicher Ehre und ein geistlich Leben beginnen, welches dauern soll für immerdar.“

Da sind die beiden Ritter von den Lüsten der Welt geschieden und in ein Kloster gegangen, welches Heymerode hieß, und haben daselbst lange Zeit heilig gelebt.

Dieser Herr Walter lag zu einer Zeit in der Kirche im Gebete und hatte seine Hände inniglich zusammen gefalten. Da kam ein golden Kreuz zwischen seine Hände, zum Zeichen, dass sein Gebet von unserer Frauen erhört war. Dieses Kreuz brachte Adelheid, des Grafen Wilhelm von Holland Hausfrau, mit großer Feierlichkeit gen Reynsburg ins Kloster und schenkte dazu dem Kloster so viele Butter, als es jährlich bedurfte.

Item, ihr sollt wissen, dass wegen der Wunderbarkeit des Kreuzes von Herrn Walter die Herren von Persijn es in ihr Wappen aufnahmen und von der Zeit an neun rote Kreuze im Schilde führten.

Quelle: Johann Wilhelm Wolf, Niederländische Sagen, Leipzig 1843