SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Niederlande

   
 

Sophia van Heusden

Als die Dänen und Norweger die Seeküsten der Niederlande bereits verwüstet hatten, drangen sie tiefer landeinwärts, zerstörten das Castell von Heusden, verheerten alles Land ringsum und vertrieben den Herrn der Gegend, welcher Robert hieß. Dieser flüchtete nach Brabant und starb dort in hohem Alter im Jahre 857. Seine Gemahlin war Ida, die Tochter des Grafen von Cuyk gewesen, und er hatte mit ihr einen Sohn, mit Namen Balduin, der sein Nachfolger wurde.

Dieser floh nun nach England, wo er durch Empfehlung des Grafen von Holland als Knappe in die Dienste des heiligen Elderik trat, der damals König von England war; bei der Königin und ihrer Tochter Sophia gewann Balduin bald sehr viel Ansehen und sein ehrlicher und frommer Wandel machte ihm viele Freunde.

Besonders aber fasste die Königstochter eine innige Liebe zu ihm, und er entgegnete sie aus ganzem Herzen, ohne dabei jedoch einen argen Gedanken zu haben. Als aber einst der König mit seiner Gemahlin nicht zu Hause waren, verließen beide mit Hülfe eines Kämmerers und eines Knechtes den Palast, begaben sich auf das Meer und kamen mit günstigem Winde bald in Zeeland an. Von dort reisten sie nach Brabant und zwar zu dem Schlosse Megen, wo Balduin Verwandte hatte und lange ins Geheim mit Sophia blieb, bis sie später in die Grafschaft Zutphen zogen und auch dort eine Zeitlang wohnten. Während dessen hatte Balduin mit seiner Geliebten zwei Söhne gezeugt, Edmund und Robert.

Elderik aber war gar betrübt über den Verlust seiner Tochter und sandte Boten nach Frankreich, Brabant, Schottland, Dänemark und Irland, ja selbst in alle Nonnenklöster hinein, um dieselbe zu suchen; aber nirgends fand man eine Spur von ihr, die, in der Stille lebend, einen gar gottesfürchtigen Wandel führte und allen Armen der Gegend eine Mutter, wie jeglichem Menschen überhaupt ein Vorbild von Tugend war.

Nach dem Tode seines Vaters Robert hatte Balduin, der wieder in Frieden in Heusden herrschte, das Schloss neu aufgebaut; doch lebte er nicht lange hernach, sondern starb im Jahre 870. Sophia blieb nach seinem Tode mit ihren zwei Kindern daselbst wohnen.

Durch Gottes Zulassung aber kam ein Kaufmann aus England nach Heusden, und der erkannte sie auf den ersten Blick. Nachdem er ihr zuvor seine Kleinodien gezeigt, redete er sie in englischer Sprache an, worüber sie sehr erschrak und den Mann flehte und bat, sie nicht zu verraten; dieser war aber von dem Könige gesandt, sie zu suchen.

Der Kaufmann nahm Abschied von ihr, nachdem er noch ihren Willen zu vollziehen versprochen, eilte nach England und erzählte dem Könige daselbst, auf welche Weise er Sophia gefunden und dass diese zwei Söhne von Balduin habe. Ob dieser Nachricht war der König sehr erfreut, und sandte schnell einen Edelmann, der des Niederdeutschen kundig war, mit dem Kaufmann und einem glänzenden Zuge von Dienern gen Heusden, um seine Tochter und deren beide Söhne nach England zu holen; auch schickte er Sophien einen Brief mit, worin er ihr Verzeihung zusagte.

Als diese Gesandtschaft in Heusden anlangte, fand sie die Königstochter an einem roten Spinnrade sitzend und Seide spinnend. Sie übergaben ihr alsbald den Brief des Königs, ihres Vaters, und baten sie, mit ihren Söhnen ungesäumt an Hof zu kommen, indem alles Geschehene vergessen sei. Sophia aber begann bitterlich zu weinen, als sie den Brief las, und sie war über die Maßen betrübt, dass sie ihren lieben Vater also beleidigt hatte. Sie empfing die Gesandten in geziemender Weise, aber sie wollte nicht nach ihrem Vaterlande zurückkehren, obgleich der König ihr versprochen hatte, sie in Gnaden wieder zu empfangen und auf fürstliche Weise auszustatten. Ihre Söhne jedoch übergab sie den Gesandten und bat dabei in einem Briefe ihren Vater, dass er denselben freundlich begegnen und sie wieder nach dem Erbgute ihres Vaters rücksenden wolle. Darauf nahm der ganze Zug Abschied von Sophia und kehrte nach England zurück, wo die lieblichen Jünglinge alsbald dem Könige zu Füßen fielen und durch den Mund des Dolmetschers, der sie begleitete, ihre Mutter bei ihm entschuldigten, indem dieselbe sich unwohl befände, mehr aber noch, weil sie nicht mehr wage, vor ihrem Herrn Vater zu erscheinen, und darum ihn nur flehen könne, ihr das Vergangene zu vergeben und ihre Söhne gnädig zu empfangen und mit Liebe zu behandeln.

Als der König diese Rede gehört, hieß er die beiden Jünglinge aufstehen, umarmte sie und führte sie an der Hand nach seinem königlichen Zimmer, wo er ihnen die köstlichsten Kleider schenkte. Eines Tages erzählten die Gesandten dem Könige, wie sie Sophia gefunden hatten, als sie gerade beschäftigt gewesen, auf einem roten Rade Seide zu spinnen; darauf ließ der alte Herr alsbald seine beiden Enkel vor sich kommen und redete also zu ihnen: „Balduin, euer Vater, der bei uns in Diensten war, hat unsere Tochter, eure Mutter, mit Listen verführt und sich mit ihr ohne unsern Willen verheiratet. Unsere Gesandten haben eure Mutter getroffen, wie sie gerade beschäftigt war, gleich einer gemeinen Frau auf einem roten Rade Seide zu spinnen, darum sollt ihr ein rotes Rad in eurem Wappen führen und zwar in einem goldenen Felde und all eure Nachkommen sollen dieses Wappen behalten.“ Also empfingen Sophias Söhne mit ihren Nachfolgern, den Herren van Heusden, das Wappen, welches sie bis heute noch haben.

Der König Elderik behielt Edmund, den ältern Sohn am Hofe bei sich und sandte nur Robert zurück nach Heusden, nachdem er ihn zuvor noch mit viel Gold und Kleinodien beschenkt hatte, um Sophien aufs herzlichste zu bitten, dass sie recht bald nach England kommen solle. Doch die arme Frau wagte es nicht, weil sie, die Tochter eines so großen und mächtigen Königs, sich so sehr erniedrigt hatte, ihren Diener und Knecht zu ehelichen.

Quelle: Johann Wilhelm Wolf, Niederländische Sagen, Leipzig 1843