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Das rote Clif

Mittsommer im Jahre unseres Herrn vier entsprang auf der südwestlichen Seite des Berges, den man das rote Clif nennt, bei zehn Schritte von ihm ab, eine feurige Flamme aus der Erde und dauerte drei Tage lang. Und am vierten Tage darnach kam da ein großer Drache herausgeflogen, der sich sehr hoch in die Luft erhob zu einem Schrecken für Viele. Und nachdem er fast eine halbe Stunde sich also hoch in der Luft gezeigt hatte, ist er wieder nieder gefallen, fliehend in die Erde, aus der er kommen war, und ist darnach nicht mehr gesehen worden.

Unter der Regierung Ascon's, des Sohnes von Tabbo, zu wissen Anno hundert fünf und fünfzig, ist bei dem Berge vom roten Clif der feurige Pütz wieder aufgebrochen und brannte sehr schrecklich acht Tage lang, so dass es eine große Angst bei Jedwedem machte, namentlich bei Denjenigen, die zunächst darum gelegen waren. Da wurde großer Eifer getan, um zu wissen, was das doch sein möchte, denn man konnte eigentlich nichts davon vernehmen; es tat aber keinen Schaden. Und nachdem das acht Tage lang also gebrannt und sehr hoch geflammt hatte, und man nirgends dicht dabei kommen konnte, ist es von selbst wieder zugegangen. Man vermutete, darnach sollte eine große Sterbe und Pestilenz folgen. Stavo, ihr Abgott, darum gefragt seiend, sprach, dass solches nicht zu fürchten wäre, denn da sollte nach Länge von Zeit eine sehr kalte Materie nachfolgen, so dass sie durch des Abgottes Antwort wieder beruhigt und getröstet wurden.

Anno zweihundert und siebenzig unter Titus' Regierung, des Bruders von Aldebolt, ist zum drittenmale der feurige Pütz beim roten Clif aufgeborsten, doch achtzehn Tritte westlicher, und flammte elf Tage sehr schrecklich hoch. Mittlerweile mußte man nach Titus' Gebot und Befehl dem Abgotte Stavo drei Tage lang Brandopfer bringen, um Wissenschaft und Rath darüber zu fragen, weil das ganze umliegende Land hierdurch sehr geängstet und erschrocken war. Nach welcher Opferung er ihnen geboten hat, drei Krüge Salzwassers aus der Nordsee zu holen und dieses durch einen gewaffneten Ritter hineinwerfen zu lassen, denn der inwendige Brand würde durch kein ander Ding, als durch solches, ausgelöscht werden.

Quelle: Johann Wilhelm Wolf, Niederländische Sagen, Leipzig 1843