DIE PERCHTEL

Ein im Volke Kärntens ziemlich bekanntes Schreckgespenst heißt Perchtra; doch reicht seine Lebensdauer jährlich nur vom Feste der Heiligen Drei Könige bis zum Schlüsse der Fastnacht. Sowohl die Deutschen als auch die Windischen stellten sich das Gespenst als ein scheußliches Weib mit Knochen- oder Pferdefüßen vor, das in der einen Hand eine Gabel, in der anderen einen Besen führt.

Schon in der Weihnachtszeit geht sie von Hof zu Hof und freut sich an den braven Leuten. Wo aber das Korn noch nicht gedroschen oder der Flachs noch nicht gesponnen ist, da bringt sie Unglück über das Haus.

In der Nacht von Dreikönig aber führt die Perchtra oder wie sie auch heißt, die Pechtra-Baba, die wilde Jagd an. Da sausen Hexen auf Besenstielen daher, Tiere kreischen und auch der wilde Mann ist dabei mit seinen dreifüßigen Hunden. Wenn ein Mensch dieser wilden Schar begegnet, fürchtet er sich schrecklich; wenn er ins linke Wagengeleise tritt, schwitzt er gar Blut vor Angst; legt er sich aber in das rechte, das Gesicht zum Boden, die Hände ober dem Kopf und bleibt schön still, zieht die wilde Jagd über ihn und tut ihm nichts. Kinder, die vor der Taufe gestorben sind, müssen mit der Frau Perchtra herumziehen, solang bis ein Mensch sie anredet. Weil die Kinder so jammern, heißt die wilde Jagd auch "Die Klage".

Beim "Schwager" in der Innerfragant machten die Kinder einmal am Vormittag des Dreikönigtages einen gewaltigen Lärm. Da ist die wilde Perchtel gekommen als grausliches Weib mit einem Tigermantel und ohne Kopf. Hätten die Kinder nicht rasch ein andächtiges Gebet gesprochen, so hätte die Perchtel sie mitgenommen.

Ein andermal kam sie als "Labtristen" (kegelförmiger Haufen von Laubästen, die auf dem Felde aufgeschichtet werden). Ihre Augen waren groß wie Glasscheiben. Um sie abzuhalten, muß alles mit geweihten Sachen eingeräuchert und mit dem Kreuz bezeichnet werden. Beim Kometter in der Fragant hat man einmal zu räuchern vergessen. Da kam die Perchtel des Nachts und hat einen Menschen aus dem Hause geholt. Des Morgens brachte man ihn tot wieder; zwischen seinen Zehen und Fingern fand man Blumen, die kein Mensch kannte. Da ist er wohl mit der Perchtel in fremden, weiten Ländern gewesen.

Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913, 5. Auflage, Klagenfurt 1960, Nr. 62, S. 129