DER SCHWARZSEE UND DER KESSELSEE

Auf der Hochalpe bei Kolbnitz sind zwei Seen, der eine heißt der Schwarzsee, der andere der Kesselsee. Von dem letzteren geht im Mölltal die Sage, er sei einst so goldreich gewesen, daß, wer Tag und Stunde wußte, aus seinem seichten Grunde blankes Gold säckeweis schöpfen konnte. So kam auch einmal ein Welscher, der das Geheimnis des Kesselsees kannte, um reiche Beute daraus zu holen; da erblickte den Goldschöpfer ein Gemsenjäger, der sich, von Habgier ergriffen, über den Ahnungslosen warf und ihn mit einem Messerstiche tötete. Sterbend sank der Welsche zu Boden, doch hatte er noch so viel Kraft, die Rache des Himmels anzurufen und die Goldschätze des Sees auf immer zu verwünschen.

In der folgenden Nacht wurde ein Senne der Hochalpe durch lautes Rufen aufgeschreckt. Verwundert stand er auf und öffnete die Tür der Almhütte, da stand ein Mann vor ihm und sprach: "Hirte, leih mir heut' nacht zwei starke Rinder, sie kriegen schwere Arbeit zu tun, doch soll ihnen kein Schaden geschehen, dir aber wird reicher Lohn zuteil. Vergiß aber nicht, das Gold, das du finden wirst, mit dem Manne zu teilen, dem die Rinder gehören; sonst wird dein Fund sogleich zu Stein."

Der Mann nahm die Rinder fort und fuhr mit ihnen zum Kesselsee. Dort schöpfte er schwere Lasten Goldes heraus, und als das letzte Stäubchen daraus verschwunden war, fuhr er zum Schwarzsee und stürzte dort den ganzen Schatz in eine nahe Felsenkluft, wo er für ewige Zeiten vor der Habgier der Menschen verborgen bleibt.

Am nächsten Morgen fand der Hirte seine Rinder an derselben Stelle, wo sie abends gewesen, aber welche Freude! an jedem der vier Hörner hing ein Klümpchen Gold. Von Geiz erfaßt, verachtete der Hirte die Warnung des Unbekannten, und anstatt seinen Fund mit dem Eigentümer der Rinder zu teilen, beschloß er heimlich zu flüchten, um an einem fernen Orte seinen Reichtum zu genießen. Doch als er zur Flucht gerüstet nach seinem Golde griff, war es verschwunden und nur Kieselsteine lagen an dessen Stelle.

Jetzt faßte ihn Verzweiflung, und er eilte zum Schwarzsee und stürzte sich in seine düsteren Fluten.

Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913, 5. Auflage, Klagenfurt 1960, Nr. 58, S. 120