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DAS LAURENZIKIRCHLEIN

Das Kirchlein sollte zu Ehren des hl. Laurenzius erbaut werden. Als Baugrund wurde ein Platz in dem Dorfe Markersdorf bestimmt und die Bauern mußten, der damaligen Zeit gemäß, Robot leisten, nämlich Steine, Sand und Holz zuführen. Sie luden das Material an dem hiezu gewählten Platze ab. Wie groß war ihr Erstaunen, als sie des andern Morgens Holz und Steine verschwunden sahen. Nach längerem Suchen fanden sie alles über der Höhe des Dorfes auf einer Stelle beisammen. In der Meinung, es habe sich jemand einen Spaß erlaubt und das Material verschleppt, führten sie dasselbe an den ursprünglichen Platz zurück. Am zweiten Morgen derselbe Vorgang. Nun wurde beschlossen, während der Nacht eine Wache bei dem Materiale zurückzulassen. Man wählte hiezu einen handfesten Zimmermann, der einen Baum in unmittelbarer Nähe benützte, um von diesem erhöhten Standpunkte aus den Platz zu überwachen. Doch wer beschreibt das Erstaunen der Einwohner Markersdorfs, als am Morgen darnach nicht nur das Baumaterial, sondern auch der Baum samt dem Zimmermann von der bestimmten Stelle im Dorfe verschwunden waren. Man fand das Material und den Zimmermann, wo heute die Kirche steht.

Das Laurenzikirchlein bei Markersdorf © Harald Hartmann

Das Laurenzikirchlein bei Markersdorf
© Harald Hartmann, August 2008

Gleichzeitig erzählte der Zimmermann, daß ihm heute nachts St. Laurenzius erschienen sei und ihm gesagt habe, er wolle nicht eingeengt von den Gebäuden der Menschen, sondern fern von dem Getriebe der Welt in Gottes freier Natur wohnen. Alsdann hätten die Engel den Platz für das Gotteshaus ausgesteckt. Auf das hin eilten von fern und nah die Bewohner herzu, um bei dem Bau zu helfen und in unglaublich kurzer Zeit stand das Kirchlein fertig da, denn bei Tage arbeiteten die Bewohner, während der Nacht die himmlischen Geister. Noch jetzt heißt der Platz in der Nähe des Kirchleins Engelstall und Engelwiese. So ist das Laurenzikirchlein entstanden.

Quelle: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz, Band I. 1927

Hintergründe aus Volkskundlicher Sicht:

Heute noch wird zur Zeit um den Vollmond zu Lorenzi (um den 10. August) in Markersdorf das Lorenzifest gefeiert.

Laurenzi-Kirche - in Markersdorf am Westhang des Buchberges gelegen - romansiche Rundkirche aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhundert mit spätgotischem Cho um 1500 und später angestelltem Turm; an der Südwand des Rundbaues römisches Relief, den Genius des Todes darstellend.

Römerstein an der Laurenzikirche bei Markersdorf © Harald Hartmann


Römerstein an der Laurenzikirche bei Markersdorf
© Harald Hartmann, August 2008

Quelle: DEHIO-Niederösterreich nördlich der Donau, Band 2