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Das "Blut-Gassl"

Ein Haus in Steyr mit einer schönen Vorderwand ist das Haus der Frau Leonore Ecke, Enge Gasse Nummer 11. Die ganze Vorderwand dieses zweistöckigen Hauses ist mit den herrlichsten Kratzputzmalereien bedeckt. Der Beschauer sieht in einer Reihe unten und in einer Reihe oben je acht mystische Drachentiere, links und rechts an der Schauseite zwischen den Fenstern Doppelspiralen und Rauten, uralte Symbole und andere figurale Zier.

Zwischen diesem Hause Nummer 11 und dem Hause Nummer 9 des Herrn Josef Stigler führte in alter, längst vergangener Zeit ein schmales Gäßchen von der Enge Gasse zum Ennskai, der ennswärts entlang dem Flusse noch die alte Stadtbefestigungschauer hatte. Dieses Gäßchen, das zwischen den zwei genannten Häusern zum Ennskai hinunterführte, hieß einst das "Blut-Gaßl". Der größte Teil dieses Gaßls ist wohl noch vorhanden, aber für den Verkehr nicht mehr benützbar. Dieses merkwürdige schmale Gäßmen ist vor langer, nicht mehr feststellbarer Zeit in das Haus Nummer 9, Enge Gasse, einbezogen worden und verbaut. Der Eingang in dieses Gäßlein wäre auf der rechten Seite des Stiglerhauses, ist aber, wie gesagt, verbaut und der Durchgang ist heute nicht mehr möglich; man kennt aber noch sehr gut, daß von hier aus das besagte Gaßl zum Kai führte.
Wie kam dieses Gaßl zu dem Namen Blut-Gaßl? In diesem Gaßl ist vor langer Zeit, wie die Sage erzählt, ein Graf erschlagen oder erstochen worden. Ob es ein Burggraf oder ein anderer Graf gewesen, das weiß die Sage nicht mehr. Als man ihn fand, lag er in einer großen Blutlache und war tot. Die Mörder waren entflohen und man hat nie erfahren, wer die Täter waren. Lange Zeit war ein großer Blutfleck zu sehen. Und von da an erhielt das enge finstere Gaßl den etwas gruselig klingenden Namen "Blut­Gaßl". Name und Gaßl sind heute fast vergessen und nur ganz wenige wissen noch davon. Wie das Blut-Gaßl ursprünglich hieß, ist nicht mehr bekannt.

Quelle: Franz Harrer, Sagen und Legenden von Steyr, mit freundlicher Genehmigung vom © Wilhelm Ennsthaler Verlag, Steyr 1980, S. 29f
Emailzusendung von Norbert Steinwendner, am 11. April 2006