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Die Sprache der Vögel und der Blumen

Der Wunderdoktor Theophrastus ritt einmal mit seinem Diener, der bereits vom Haselwurme gekostet hatte, hinaus vor die Tore der Stadt. Die Elstern schwatzten auf den Bäumen, der Diener lachte über sie. Dem Herrn entging letzteres wohl nicht, allein er ließ nicht merken, daß ihm das Lachen des Dieners aufgefallen wäre.

So ritten sie weiter und kamen an einem Hofe vorüber; eine Bruthenne führte eben ihre Jungen aus, und da sie das Trappen der Pferde vernahm, gluckte sie laut und rief den Jungen zu, sie mögen rasch entfliehen. Da sich aber ihrer Flucht ein Gatter entgegenstellte, so schrie sie in ihrer Herzensangst: "Kinder, wer von euch nicht darüber fliegen kann, der schliefe durch!" - Das gefiel Theophrasts Diener ungemein, und er lachte herzlich darüber, weit mehr noch als vordem über die Elstern. Auch jetzt tat der Doktor nichts dergleichen, als hätte er des Dieners Lachen gehört.

Bald kamen beide Reiter an eine Wiese, auf der es gar lustig und lebendig herging. Als die Blümlein und Kräuter den Doktor erblickten, warfen sie sich gar stolz in die Brust und rühmten jedes seine guten Eigenschaften: der Fieberklee, daß er gut sei gegen das Fieber, der Baldrian seine Macht gegen Krämpfe, die Kamille, daß sie den Kopfschmerz, die Minze das Leibschneiden und der Löwenzahn die Brust heile; der Salbei galt als bestes Mittel für die Zähne, der Steinklee als wirksam für den Magen, ebenso das Tausendgüldenkraut und der Calmus.

Mit einem Male sprang ein winzig kleines Blümlein von roter Farbe in die Höhe und schrie mit seinem fadendünnen Stimmchen, daß es in den Ohren gellte:

"I bin gut für d'Ruhr,
Für d'rot und für d'weiß!"

Das Blümlein, das noch nicht in einen vornehmen Zirkel gekommen war, sprach deshalb seiner alten Gewohnheit nach recht bäuerlich derb, und darüber mußte eben der Diener so überlaut lachen, daß er sich kaum zu halten wußte; denn noch nie war ihm dergleichen vorgekommen. Jetzt hatte aber auch Theophrasts Geduld ein Ende, er wußte, wie viel es geschlagen hatte, und der nächste Augenblick bereits sah den Diener nicht mehr unter den Lebenden.

Anmerkung: Hintergrundtexte zu Pflanzen im Volksglauben siehe "Kräuter und Pflanzen im Volksglauben" auf SAGEN.at

Quelle: R. von Freisauff, Salzburger Volkssagen, Bd.1, Wien/Pest/Leipzig 1880, S. 274f, zit. nach Leander Petzold, Sagen aus Salzburg, München 1993, S. 95.