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Die Greifengrube bei Straßgang

Ungefähr eine Viertel Gehstunde vom Florianikirchlein entfernt, das auf den Überresten eines heidnischen Tempels auf waldiger Bergspitze erbaut wurde, liegt mitten in einem Fichtenwald die Greifengrube. Die Waldparzelle gehört dem vulgo Schnabelhansl.

Diese Grube, die beiläufig 30 m tief ist und ca. 40 m im Durchmesser hat, diente einst einem Greifenpaar als Nistplatz.

Die Ungeheuer, Riesenvögel mit einem Löwenkopf, machten besonders die Gegend der Mantscha, Wolfgang und Gedersberg unsicher. Fast täglich, zum Einbruch der Dämmerung und vor dem Gebetläuten, holten sich bald einer, bald beide Greife ein Stück Jungvieh von der Weide, teils zum eigenen Fräße, teils zur Fütterung der Jungen.

Wohl versuchte man sich dagegen zu wehren, jedoch vergeblich. Es geschah sogar, daß sie den Bauern beim Ackern die Ochsen vom Pfluge oder von der Egge weg raubten,- auch die Menschen selbst waren vor den Riesenvögeln nicht mehr sicher. Einst arbeitete eine Bäuerin der dortigen Gegend etwas länger als sonst auf dem Feld. Der Bauer selbst war anderwärtig beschäftigt und nicht zu Hause. Da die Mutter nicht zur gewohnten Zeit heimkam, wurde es ihrem Söhnlein angst und bange, und es ging auf den Acker hinaus, auf dem die Bäuerin noch emsig werkte. Plötzlich rauschte es in den Lüften. Es war der Greif, der hergeflogen kam, den Knaben mit den Klauen um die Mitte faßte und sich mit ihm in die Lüfte erhob, um das Kind zum Fraß für seine Jungen in sein Nest zu bringen. Voller Entsetzen schrie die Mutter jämmerlich und rief dann den hl. Florian, den Patron des nahen Kirchleins, und alle übrigen Heiligen an und betete laut: „Lieber Gott, wenn das Kind aus den Klauen des Untieres befreit wird, will ich es dem Dienste der Kirche weihen."

Kaum hatte die verzweifelte Mutter das Gelübde getan, ertönte ein furchtbares Sausen und Brausen, als ob große Wassermengen vom Himmel herabstürzten, und aus der Greifengrube hörte man ängstliche Schreie.

Da stutzte der Greif, setzte seine Beute am Waldesrand nieder und flog zu seinem Nest. Das Kind hatte Glück,- es hatte keinen Schaden genommen und erholte sich schnell wieder von seinem Schrecken. Ja, es lachte sogar und freute sich über den unfreiwilligen Flug, den es durch die Lüfte getan hatte. Die Mutter kam herangelaufen und führte dankerfüllten Herzens ihr Söhnlein, so schnell es ging, nach Hause.

Am folgenden Tag wagten sich ein paar beherzte Männer zur Grube. Diese war mit Wasser angefüllt, und darin schwammen die jungen Greife tot herum. Die Flut hatte sie ersäuft. Von den alten Greifen war keine Spur zu sehen, und sie zeigten sich auch in späterer Zeit nie mehr in dieser Gegend.

Zum Dank für diese wunderbare Rettung beschlossen die Bauern der Umgebung, den Pfarrer zu bitten, das halb verfallene Florianikirchlein wieder instand zu setzen, was auch mit der großzügigen Hilfe ihrer Landesmutter, der Erzherzogin Maria, geschah.

Das gerettete Büblein wuchs heran und wurde, wie es die Mutter gelobt hatte, zum Priester geweiht und erhielt den Klosternamen Florian.

Quelle: Markus Perl, Pfarrchronik von Straßgang.
In: Annemarie Reiter (HG.), Grazer Sagen und Geschichten, Graz 1996, S. 174.