SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Steiermark

   
 

Die Nixe von Andritz-Ursprung

In Andritz-Ursprung befindet sich innerhalb eines halb verfallenen Gemäuers ein kleiner Weiher.

In seiner kristallenen Flut spiegeln sich die überhängenden Geäste und Zweige der den Uferrand säumenden Bäume, und tiefe geheimnisvolle Stille herrscht ringsumher.

Dort soll in früheren Zeiten eine Wasserjungfrau gewesen sein. Wenn ein später Wanderer des Nachts am Weiher vorüberging, so hörte er ihren lieblichen Gesang, und er konnte die Nixe belauschen, wie sie auf einem Felsen mitten im Schilf saß und ihr langes blondes Haar kämmte, das im Mondlicht wie Silber glänzte. Doch kaum hatte er sie erblickt, war sie auch schon wieder hinter wogenden Nebelschleiern, die aus dem Wasser stiegen, verschwunden. Einst gingen Bauernburschen auf ihrem nächtlichen Heimweg von einem wüsten Zechgelage an der Quelle vorbei. Da hörten sie leisen Gesang, und als sie näherschlichen, erblickten sie eine lichte Gestalt, die aus den Wasserfluten, die sich leise plätschernd teilten, emporstieg.

Die rohen Burschen stürzten sich auf die Ahnungslose und zogen sie mit harten Fäusten ans Ufer.

Jetzt merkten sie, daß sie eine Wasserjungfrau gefangen hatten, denn statt der Beine hatte sie einen grünen, schuppigen Fischschwanz. Schreckensbleich und mit aufgehobenen Händen flehte die Unglückliche, ihr doch nichts zuleide zu tun, aber die Rohlinge schlugen unbarmherzig mit Stöcken auf sie ein. „Warum wollt ihr mich grausam zu Tode quälen? Gern hätte ich euch gesagt, warum der Hohenberg eigentlich Reichenberg heißen soll und wo in der Hub Gold zu finden ist.“ Da horchten die Burschen auf.

Aber es war schon zu spät. Sterbend lag die Nixe am Boden. Nun bereuten die Bauernburschen ihre Tat und verließen eilig den Ort.

Die Nixe aber wurde seit dieser Zeit nie mehr an der Quelle von Andritz-Ursprung gesehen, noch hat jemand ihren Gesang mehr gehört.

Quelle: Hans von der Sann, Andritz und Umgebung.
In: Annemarie Reiter (HG.), Grazer Sagen und Geschichten, Graz 1996, S. 164.