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Der Teufel und der Dominikaner

Als der Teufel noch frei herumgehen konnte und noch nicht an Ketten gehängt war, hatte er auch viel größere Macht über die Menschen, die unter seinen Anfechtungen viel zu leiden hatten. Denn ihm liegt viel an einer Menschenseele, und um sie zu kriegen, ist ihm keine Mühe zu sauer und kein Weg zu schwer. Er mühte sich gerade um eine Seele ab, die ihm ein junger Dominikanerpriester streitig machte.

Jeder von beiden strengte sich an, so sehr er nur vermochte, die Seele zu erhalten.

Endlich schien der Priester nachzugeben und ging mit dem Teufel eine Wette ein: „Wenn du, während ich die hl. Messe beginne, einen Berg aus Obersteier, den du dort siehst, auf deinem Rücken nach Graz tragen kannst und ihn mitten in der Stadt niedersetzest, bevor ich noch zur Einschenkung (Offertorium) gekommen bin, so gehört die Seele dir.“ Dem Teufel war es recht.

In einem Augenblick hatte er den Berg auf den Schultern und trug ihn durch die Luft das Murtal herunter: allein, wie er schon gegen Graz kam, wurde ihm der Berg zu schwer, er setzte ihn ab und rastete.

Als er weiter wollte, war er doch so matt, daß er den ganzen Berg nicht mehr zu heben vermochte, und er ließ, um keine Zeit zu versäumen, einen Teil davon zurück.

Das ist heute der Schöckl.

Mit dem Rest flog er nach Graz, aber vor lauter Eile verlor er ein Bröckerl unter der Weinzöttlbrücke. Das ist der Austein oder Kalvarienberg.

Und was übrig blieb, setzte er mitten in der Stadt nieder. Das ist nun der Schloßberg.

Trotz der rasenden Eile war er zu spät gekommen, denn der Dominikaner war bei der hl. Messe schon beim Offertorium und die Einschenkung längst vorüber.

Er hatte dazu eine List gebraucht und hatte schon vorher in der Sakristei Wein mit den paar Tropfen Wasser in den Kelch geschenkt. Um das ist er bei der Messe geschwinder gewesen als gewöhnlich. Der Teufel mußte es zähneknirschend gelten lassen. Er hatte die Seele verspielt. Nun sagen die Leute:

„Weil auf solch eine Weise eine Seele gerettet werden konnte, haben die Dominikaner den Brauch, heutzutags noch die Einschenkung vor der Messe vorzunehmen."

Quelle: Anton Meixner, Sagensammlung.
In: Annemarie Reiter (HG.), Grazer Sagen und Geschichten, Graz 1996, S. 145.