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GRÜNHÜTL UND GRAUHÜTL VON OBDACH

In der Nähe von Obdach lebte vor langer Zeit, als die Wälder noch bis nahe an den Ort heranreichten, ein wackerer Holzfäller in zufriedener Ehe mit seiner arbeitsfreudigen Gattin. Ein kleines, folgsames Söhnchen erfreute das glückliche Elternpaar durch sein aufgewecktes, munteres Wesen. Da brach wie ein Blitz aus heiterem Himmel das Unglück über die ahnungslose Familie herein. Ein zu früh stürzender Baum erschlug den Holzfäller im Wald, und bald kamen zu der Trauer über diesen bitteren Verlust Hunger und Not in die Hütte der armen Witwe zu Gast. Es gab Tage, an denen sich kein Stücklein Brot im Schranke fand und nur die Milch der beiden Ziegen, die ihren wertvollsten Besitz bildeten, ihnen half, den ärgsten Hunger zu überwinden. Doch die mutige Frau verzagte nicht. Unermüdlich sorgte und rackerte sie jahraus, jahrein, so daß sie sich und ihren Knaben über alle Not hinwegbrachte und stets ein Bissen Brot oder ein Löffel Suppe in der Hütte war. Dabei vergaß sie nicht, den Jungen zu einem tüchtigen Menschen zu erziehen, der prächtig heranwuchs und überall gern gesehen war.

Als aus dem Knaben ein strammer Jüngling geworden war, suchte er durch seiner Hände Arbeit nach Kräften zum Lebensunterhalt beizutragen und seine Mutter zu entlasten. Aber sosehr er sich auch Mühe gab, gelang es ihm nicht, regelmäßige Arbeit zu finden; denn in der Gegend gab es nicht viel Ackerboden, und die wenigen Bauern hatten genug Arbeitskräfte. Daher beschloß der junge Mann, in das fruchtbare Eichfeld auszuwandern, wo fleißige Menschen stets gern gesehene Arbeiter waren. Zwar fiel ihm der Abschied von der Mutter schwer, und auch diese empfand die Trennung von ihrem geliebten Kind schmerzlich, aber es mußte sein, und beide trösteten sich mit der Hoffnung, daß es doch bald ein Wiedersehen geben werde.

So zog der Jüngling in die Welt hinaus und fand bei einem Bauern in der Nähe von Fohnsdorf einen guten Arbeitsplatz. Der neue Herr war zufrieden mit dem willigen, arbeitsamen jungen Menschen, und dieser hatte sich über die Behandlung, die ihm zuteil wurde, nicht zu beklagen. Bald war er die rechte Hand des Bauern, der ihm jede Arbeit anvertrauen konnte, die stets zur vollen Zufriedenheit ausgeführt wurde. Sooft es Zeit und Umstände erlaubten, suchte der Bursche sein Mütterlein auf und brachte ihm jeden Groschen seines Verdienstes, den er erübrigte. Mutter und Sohn waren überglücklich, wenn sie ein paar Stunden miteinander verbringen konnten.

Das ging so Jahre hindurch. Die Mutter spürte allmählich die Last der Jahre und humpelte gebückt einher; der Sohn aber war zu einem kräftigen Mann geworden, der noch immer den gleichen Dienstplatz innehatte, der ihm zur zweiten Heimat geworden war.

Wieder einmal war es Winter geworden. Eis und Schnee bedeckten die Felder, und es war nicht leicht, weite Wege über Land zu machen. Mutter und Sohn hatten sich lange Zeit nicht gesehen und freuten sich auf das nahe Weihnachtsfest, das der Sohn mit Erlaubnis seines Herrn bei seiner Mutter feiern wollte. Die gutherzige Bäuerin hatte das Ränzel des Knechtes mit allerlei leckeren Sachen bis zum Rand gefüllt, und mehrere harte Taler ersparten Lohnes klimperten in der Tasche des wanderfreudigen Mannes. Ein derber Knotenstock als Waffe gegen kecke Wegelagerer und gefährliche Raubtiere - mit beiden mußte man damals rechnen - vervollständigten die Ausrüstung. So machte sich der Knecht ziemlich spät am Heiligen Abend auf, um den Weg in die Heimat zum alten Mütterlein anzutreten.

Es war ein klarer Winterabend. Soeben stieg der Mond über den Wipfeln des nahen Waldes empor, und die kleinen Schneekristalle glitzerten in hellem Silberschein. Eine andächtige Stimmung erfüllte das Herz des einsamen Wanderers, der rüstig durch den knirschenden Schnee dahinschritt und die Vorfreude des nahen Wiedersehens genoß. Bald war die Stadt Judenburg erreicht, die rechter Hand zurückblieb, während der Berg Liechtenstein in Sicht kam, auf dem damals noch eine Burg stand. Als der nächtliche Wandersmann dorthin blickte, sah er verwundert auf dem steilen Hang einen Mann in grüner Kleidung stehen, von dessen grünem Hut eine lange grüne Feder wallte. Auf dem Rücken trug er eine Armbrust, in der Rechten hielt er einen langen Jagdspieß. Das muß ein Jäger sein, dachte der Knecht; aber es ist nicht recht, daß diese Leute auch an so heiligen Tagen, wie es der heutige Abend ist, ihrem Beruf nachgehen, und die armen Waldtiere nicht einmal an so hohen Festtagen ihre Ruhe und ihren Frieden finden. Wenn einer am Heiligen Abend mit der Mordwaffe in der Hand durch die Felder streift, so kann er doch kein guter Mensch sein!

Während der Wanderer diesen Gedanken nachhing, hörte er sich plötzlich von dem Jäger angerufen: "He, wohin so spät in dieser Heiligen Nacht?"

"Nach Obdach, zum Mütterlein!" erwiderte ziemlich unwirsch der Gefragte; denn er war auf den Fragesteller nicht gut zu sprechen.

"Da könntest du mir einen Gefallen erweisen", meinte der Jäger.

"Wenn es mir möglich ist, warum denn nicht", lautete die Antwort.

"So gib acht!" erscholl es von oben her. "Dein Weg führt dich an der Burg Eppenstein vorüber; dort wirst du auf der Lehne des Schloßberges einen Jäger, so wie ich einer bin, erblicken. Sag ihm, Grünhütl läßt Grauhütl schön grüßen."

"Ich werde Euren Gruß entbieten, wenn ich Euren Freund treffe", erwiderte der Knecht und dachte: Das sind mir saubere Jäger, die in der Heiligen Nacht nichts Besseres zu tun wissen, als auf Jagd auszugehen. Er war im Begriff, seinen Weg fortzusetzen, als ihm der unheimliche Jäger noch nachrief: "Für deine Gefälligkeit sollst du auch einen Lohn haben!" Mit diesen Worten warf er drei schwarze Steine die im Mondschein merkwürdig glänzten, vor die Füße des erstaunten Mannes. Der hob sie auf und steckte sie in die Tasche; dann beeilte er sich weiterzukommen und war bald an Maria Buch mit seinem kleinen Kirchlein vorüber. Vor seinen Augen breitete sich der fruchtbare Murboden aus, und seine Blicke schweiften in die Richtung hin, wo sein Ziel lag.

Nun erklang vom Kirchturm zu Weißkirchen die große Glocke und lud die Gläubigen zur Mette ein, und ringsum im Kreise hörte er bald laute, bald leise Glockenschläge, die zur Kirche riefen. Eine weihevolle Stimmung ergriff den einsamen Wanderer. Unterdessen tauchte die Burg Eppenstein vor seinen Blicken auf, und schon von weitem gewahrte er einen dunklen Punkt auf dem schneeglänzenden Hang, der sich zur Burg hinanzog. Näher kommend, erkannten seine scharfen Augen bald den Jägersmann, dem er den Gruß des Grünen ausrichten sollte. Grau war seine Gewandung, und eine gebogene graue Feder nickte von dem grauen Hut. Mit lauter Stimme rief er zu dem Grauen empor: "Du, Jägersmann, ich habe eine Botschaft deines Freundes für dich. Das Grünhütl läßt das Grauhütl schön grüßen!"

"Ich danke dir für diese Nachricht", erwiderte der Jäger und setzte hinzu: "Hier hast du deinen Lohn!" Und drei glänzende schwarze Steine kollerten vor die Füße des Boten. Seinen Dank emporrufend, hob der Mann die Steine auf, steckte sie in die Tasche und machte, daß er weiterkam. Er mußte eilen, wollte er doch der Mette in der Kirche zu Obdach beiwohnen. Im Geiste sein Erlebnis mit den beiden Jägern nochmals durchdenkend, merkte er gar nicht, wie schnell die Zeit verging und wie nahe er seinem Ziel war. Ganz unerwartet sah er auf einmal seinen Heimatort vor sich liegen. Es dauerte nicht mehr lange, bis er sein Mütterchen begrüßen konnte. Und als die Glocken zum mitternächtlichen Gottesdienst riefen, fanden sie Mutter und Sohn in weihnachtlicher Stimmung auf dem Weg zur Kirche.

Erst am nächsten Tag erinnerte sich der Sohn wieder seines nächtlichen Erlebnisses und des merkwürdigen Lohnes, den ihm beide Jäger gegeben hatten. Er griff in die Tasche, um der Mutter die sonderbaren schwarzen Steine zu zeigen. Wie erstaunte er, als er Stücke lauteren Goldes in der Hand hielt! Er erzählte der Mutter, welche Bewandtnis es mit den Steinen hatte. Die fromme Frau riet ihm, zum Pfarrer zu gehen und die Steine segnen zu lassen. Wären sie ein Werk des Teufels, so würde der Spuk vergehen, die Steine würden ihre natürliche Gestalt wiedererhalten. Wenn sie aber unverändert aus Gold blieben, wäre das ein Beweis dafür, daß es sich um keinen Teufels spuk handle. Der Sohn befolgte den Rat seiner Mutter und erzählte dem Pfarrherrn, was ihm in der Heiligen Nacht widerfahren war. Dieser war sofort bereit, die Steine zu segnen und mit geweihtem Wasser zu besprengen. Und siehe da, das Gold veränderte seine Gestalt nicht und blieb lauteres Gold. Da sprach der Pfarrer: "Freue dich, mein Sohn, und nimm dieses Gold als ein Geschenk des Himmels zum Lohn für deine Liebe, die du deiner Mutter stets erwiesen, und für die Treue, mit der du deinem Herrn immer gedient hast!"

Hocherfreut gab der Sohn zwei Stück dem Pfarrer zur Verwendung für die Armen; aus dem Erlös der übrigen kaufte er sich ein schönes Besitztum, auf dem er, nun nicht mehr getrennt von seinem lieben Mütterlein, seine eigene Wirtschaft am "Obdacher Sattel" führte.


Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 133