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DER JÜNGLING VOM BERGE

Auf der Hochalpe bei Seckau liegt das Kirchlein Maria Schnee. Von diesem abseits auf einer von einem Kranze dunkler Fichten umgebenen Wiesenfläche zeigt sich oft ein guter Schutzgeist der Menschen, der Jüngling vom Berge, welcher braven und redlichen Leuten wohl will und ihnen Gutes tut, den Bösen hingegen strafend entgegentritt und ihre verbrecherischen Absichten vereitelt. So manchem Hirtenknaben hat er eine verlorene Ziege wiedergebracht, so manches brave Mädchen mit einem niedlichen Blumensträußchen oder gar mit einem goldenen Ringlein beschenkt. Ehrsame Landleute erhielten von ihm Weizenkörnlein, welche, nachdem sie angebaut worden, prächtig gediehen und einen reichen Erntesegen zur Folge hatten. Der Jüngling vom Berge kennt die Krankheiten der Menschen, und um diese davon zu heilen, verabreicht er ihnen wundertätigen Balsam, wovon einige Tropfen hinreichen, selbst die jahrelangen Wirkungen irgendeines Giftes unschädlich zu machen; er spendet auch Speikblüten zu heilkräftigen Bädern, die noch jedem Leidenden die Gesundheit wiedergaben.

Armen und fleißigen Leuten macht dieser Schutzgeist des Berges zuweilen auch verborgene Schätze offenkundig. Zeitweise zeigt er sich in einer der Kirchen Maria Schnee auf der Hochalpe oder St. Martha bei St. Marein, und aus den Mienen in seinem Angesichte können jene, die ihn sehen, entnehmen, ob er ihnen gnädig oder nicht gut gesinnt sei.

Seinen Schützlingen zeigt sich der Jüngling vom Berge auch im Traume und ermuntert sie, ihn aufzusuchen; er läßt dabei dieselben die Örtlichkeit schauen, wo sie ihn finden würden. Wenn man sich dann aufmacht, um dem Schutzgeist sein Anliegen vorzutragen, erscheint zuweilen eine niedliche Dirne, welche, für so lange als nötig ist, den Wegweiser macht, dann aber plötzlich verschwindet. Nun steht man aber auch schon vor dem wohltätigen Wesen, dem Jüngling vom Berge, welcher gewöhnlich auf einem grauen Felsblocke sitzt und auf einer Flöte spielt, der er wundersüße Zaubertöne zu entlocken vermag. Seine Kleidung ist weiß und licht, um seine Locken spielt ein sanfter Lichtschimmer, welcher der weißen Stirne einen wunderbaren Glanz verleiht, und weiße Bänder flattern vom grünen Hute.

Schon mancher Begnadete hat auf der Hochalpe den Jüngling vom Berge gesehen, und kein guter Mensch, der sich an ihn gewendet, ist von ihm ohne Tröstung, ohne erlangte Hilfe weggegangen. Bösewichte aber, die nur ihren Mitmenschen zu schaden versuchten, wurden, wenn sie eine Untat zu vollführen beabsichtigten, durch ihn an der Ausführung ihres verbrecherischen Vorhabens verhindert. Stets stellte sich ihnen ein unsichtbares Wesen, der Jüngling vom Berge, entgegen, erregte Entsetzen und Grauen in ihren Gemütern, und seine drohende Hand trieb die Übeltäter in die schleunigste Flucht.

So wird der Jüngling vom Berge von allen guten Menschen als ein wahrer Schutzgeist verehrt, von den bösen Leuten aber gescheut und gefürchtet.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911