DER LINDWURM VON OBERWÖLZ

Bei dem Städtchen Oberwölz trennt sich vom freundlichen Wölzertale der Schöttelgraben und streicht in nördlicher Richtung hin zum Hohenwart, auf welchem sich terrassenförmig drei Gebirgsseen, der Gold-, Wild- und Fischsee, befinden.

Einstens erschien in dieser Gegend zur Verwunderung der Leute ein kleines, winziges, rotgekleidetes Männchen mit kupferfarbigem Angesichte; niemand wußte, woher es gekommen. Den ihm Begegnenden sagte es, sie mögen nichts dawider haben, morgen käme es auf seinem großen Rosse angeritten, auch möchten sie sich für alle Fälle vorsehen. Bei der letzten Hütte im Schöttel klopfte es an das Fenster und rief die gleichen Worte in die Stube. Dann eilte es dem See zu und verschwand, wie einige nachgeschlichene Burschen bemerkten, in dem mittleren See. Tags darauf ging am Hohenwart und im Schöttel ein starker Wolkenbruch nieder. Dadurch begann der Schöttelbach mächtig anzuschwellen; mit besonderer Wucht entwurzelten die Fluten des immer höher steigenden Baches Bäume und rissen große Felsblöcke mit sich fort. An der Einmündung des Grabens in das Wölzertal, da wo heute das Städtchen Oberwölz steht, soll schon damals eine kleine Ansiedlung bestanden haben, welche nun durch den Andrang der Wellen und der mittosenden Felsentrümmer gänzlich zerstört wurde. Erschreckt flüchteten sich die Bewohner auf die umliegenden Gebirge und sahen hinab, wie das entfesselte Element mit furchtbarer Wut alles vernichtete und mit sich fortriß. Als endlich das Wasser sich allmählich wieder verlaufen hatte und die Bewohner darangehen wollten, neue Wohnstätten an Stelle der alten zu erbauen, brachten atemlos herbeieilende Hirten die erschreckliche Kunde, daß aus dem Wildsee ein häßlicher Riesenwurm, geflügelt, panzerbedeckt und mit Krallfüßen versehen, hervorgebrochen sei und bereits einige Rinder, wie auch einen Menschen verschlungen habe.

Lange Zeit soll nun dieses gefräßige Untier hier gehaust und die Gegend unsicher gemacht haben. Obwohl unbehilflich, gelang es ihm dennoch, seine Beute zu überlisten, daher es nicht nur dem Viehe, sondern auch dem Menschen gefährlich wurde. Gewöhnlich hielt sich der Lindwurm in der Nähe der Seen auf. Hier sonnte er sich und spähte nach seiner Beute; bei eintretendem Regenwetter aber kroch er in den See und verschwand an jener Stelle, wo der letztere seinen unterirdischen Abfluß haben sollte.

Endlich beratschlagten die Bewohner, wie sie sich von diesem gefährlichen Untiere befreien könnten. Da alle angewandten Gewaltmittel - es, wenn nicht zu töten, so doch wenigstens zu vertreiben sich als fruchtlos erwiesen, dachte man, um in dem ungleichen Kampfe des Sieges gewiß zu sein, an List. Aber auch diese wollte nicht gelingen. So wartete man einmal unter anderem auf den Anzug eines Gewitters und trieb unmittelbar vor Ausbruch desselben ein Rind in die Nähe des Lindwurmes, welches dieser sogleich verschlang, worauf er wieder wie gewöhnlich in den See kroch. Kaum war er unter dessen Wasserspiegel verschwunden, als nun die entschlossenen Bewohner unter lautem Geschrei herbeieilten und zu diesem Zwecke bereitgehaltenen, gebrannten Kalk in den See warfen. Zischend und schäumend spritzte das Wasser in die Höhe und nahm eine trübe Färbung an. Den Lindwurm schien diese Beimischung nicht zu genieren; er verschwand wie sonst im unterirdischen Abflusse. Als aber die Sonnenstrahlen wieder durch das Gewölke drangen und der Himmel in seinem reinsten Blau auf die neubelebte, im frischesten Grün prangende Natur herniederlachte, kündigte ein weithin hörbares Schnauben den Bewohnern an, daß ihre List, wie schon öfters, so auch diesmal mißlungen sei. Nur im Wildsee standen alle Fische um und blieb derselbe seitdem fischleer, während im tiefer liegenden Fischsee nach wie vor die köstlichsten Salblinge und Lachsforellen gediehen und in den kristallhellen Fluten sich spielten. Der Lindwurm trieb sein Unwesen noch lange fort und die Bewohner begannen, sich aus der Gegend zu flüchten, um nicht samt ihren Herden eine Beute des Untieres zu werden.

Einstens erschien abermals das rote Männchen in der Gegend. Jammernd erzählte es, daß seinem Lieblingspferde Gefahr drohe und bat, diesem kein Leid anzutun. Tags darauf ging gleich dem ersten Male am Hohenwart und im Schöttel ein starker Wolkenbruch nieder. Mit großer Heftigkeit wirbelte die Flut im unterirdischen Strudel und die Seen begannen, auszutreten. Der Lindwurm, welcher seine Nahrung nun weiter herholen mußte, hatte seinen Raubzug bis in die Mitte des Schöttelgrabens ausgedehnt. Von dem Unwetter überrascht, suchte er zwar mit aller Anstrengung seinen sicheren Schlupfwinkel zu erreichen. Aber die mächtigen Wogen machten ihm dies unmöglich; sie rissen ihn mit sich fort, Felsblöcke und von den Fluten entwurzelte Bäume klemmten und quetschten ihn so sehr, daß er ohnmächtig endlich im Größingwalde liegen blieb. Riesige Felstrümmer versperrten ihm allerseits den Weg und so, den aufgebrachten Bewohnern wehrlos preisgegeben, verendete der Riesenwurm bald unter deren mächtigen Keulenschlägen. Bei der Sägemühle in der Vorstadt von Oberwölz nächst der Wehre sieht man noch gegenwärtig zur Erinnerung an jenes Unwetter, welches dem Ausbruche des Lindwurmes vorausgegangen, eine in den Felsen gehauene Nische, in der sich früher eine Holztafel mit einer darauf beziehenden Inschrift befunden haben soll, und welche auch die Höhe des damaligen Wasserstandes anzeigt. Wie das Volk sich erzählt, soll lange Zeit hindurch im Größingwalde zwischen Weg und Bach das Gerippe eines Tieres gelegen sein, durch dessen Augenhöhlen Schafe und Ziegen schlüpfen und unter dessen Rippen bequem einige Rinder stehen konnten.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911