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DIE CHRISTNACHTSCHICHT

Ein liederlicher Knappe in Eisenerz, der sich gerne in Wirtshäusern herumtrieb, während daheim Weib und Kind darben mußten, kam einst am Heiligen Abend betrunken nach Hause, und als ihm von seinem Weibe über die Entheiligung der festlichen Zeit Vorstellungen gemacht wurden, ging er zornig fort und auf den Erzberg hinauf.

Nachdem er sich seine Grubenlampe angezündet hatte, fuhr der betrunkene Knappe in eine der um diese Zeit ganz verlassenen Gruben ein und begann zu arbeiten. Es war spät gegen Mitternacht. Da hörte der Knappe in der Nähe ein seltsames Rascheln und Flüstern; gnomenhafte Gestalten fuhren wie Blitze aus einer Felsenkluft heraus und verschwanden wieder. Zugleich hörte er eines der gespenstigen Männlein sagen:

"Geh'n wir's unsern G'spann'l sagen,
Daß uns helfen Boanl nagen!"

Darauf huschten einige Gestalten dicht an ihm vorüber. Dem Knappen, welcher vor Schrecken sogar die Grubenlampe hatte fallen lassen und den nun schwarze Finsternis umgab, wurde es gar ängstlich zumute. Er wußte, daß er durch die Entweihung des heiligen Christabends die Bergmännchen heftig erzürnt habe, und daß diese ihn nun zur Strafe gräßlich zerstückeln würden.

In seiner Angst flehte er den Himmel um Verzeihung seines bisherigen bösen Treibens an und gelobte Besserung, wenn er der schrecklichen Gefahr entrissen werde. Darauf erhellte auf einmal ein glänzender Schein den dunklen Stollenraum, und zugleich zog es ihn mit unwiderstehlicher Macht nach rückwärts. Plötzlich stieß er mit dem Rücken an eine Fahrt - so nennen die Bergleute die in Schächten nach aufwärts oder in die Tiefe führenden Leitern - und zugleich schwebte ein kleines Kind in weißem Gewande, so ähnlich dem lieben Jesukindlein in der Krippe, über ihn vorüber, worauf es nun im Stollen wieder ganz dunkel wurde. Da hörte der Knappe abermals das Summen und Rascheln der Bergmännchen, und eiligst stieg er die Fahrt hinan. Oben angelangt, sah er in der Tiefe unten einen bläulichen Schein und zahlreiche Kobolde mit scharfen, blitzenden Messern in den Händen, die sich daran machten, die Fahrt zu besteigen und ihn zu verfolgen. Eiligst lief er dem nahen Ausgange zu, durch dessen Öffnung der besternte Himmel hereinlugte, und begab sich schnurstracks zur Kirche, von deren Turme die Glocken den Beginn der Christmette verkündeten.

Die nächste Christnacht brachte er erbaulich zu und erzählte auch den Seinen, wie es ihm bei der vorjährigen Christnachtschicht im Erzberge ergangen war.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911