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DIE GEISTER DES KÖNIGREICHES

Eine Gegend im südlichen Teile des Bezirkes Neumarkt heißt das "Königreich". Hier soll ein norisches Lager bestanden haben, um das Land gegen den Andrang der Römer zu schützen. Noch kann man da Spuren von altem Gemäuer sehen, und ein etwas abgelegenes Gebäude wird als ein in jener grauen Vorzeit benütztes Gerichtshaus bezeichnet, darinnen noch die sogenannten "Knozer" oder Gefängnisse zu erkennen sein sollen.

Lange hielten die Noriker den Römern stand; erst nach langer Belagerung soll es diesen gelungen sein, das "Königreich" zu erobern, aber nicht eher, als bis der letzte Mann der norischen Besatzung nach tapferer Gegenwehr gefallen war.

In den unterirdischen Felsenhöhlen und Kammern des "Königreiches" hausen nun die Geister dieser tapferen Helden. Wenn dem Lande Gefahr droht, steigen sie zur Oberwelt empor, zünden gespenstische Kreidefeuer an und mahnen das Volk, sich zur Gegenwehr zu rüsten. So war es in den Tagen der Türken- und Ungarnnot, und auch, als die Franzosen das erstemal in das herrliche Steirerland eindrangen, bemerkten die Gebirgsbewohner ähnliche Erscheinungen. Gespenstische Flammen zuckten auf, nebelgraue Gestalten bewegten ihre Arme in der Luft, und als die siegreichen Franzmänner die österreichischen Truppen bei Einöd nach einem blutigen Gefechte zurückgedrängt hatten, stürzten die gespensterhaften Gestalten heulend den Berg hinab.

Es waren dies die Geister der alten Noriker, die sich nun wieder und für immer in ihre unterirdischen Gräber flüchteten, um nicht die Schmach und Bedrückung durch die Feinde mitansehen zu müssen, unter denen das Land so furchtbar litt.

Einst kehrte ein junger Wandersmann aus der Fremde, wo er manchen harten Strauß in blutigem Gefechte bestanden hatte, wieder heim. Er kam aus dem Kärntnerlande und gelangte ins "Königreich", in die Gegend, wo einst das norische Lager bestanden hatte. Hier legte er sich in dem Schatten eines Baumes nieder, denn es war sehr heiß und er auch sehr müde vom langen Marsche. Der Wandersmann dachte an seine nicht mehr ferne Heimat, an sein liebes Mütterchen und an seine guten Geschwister im kleinen Häuschen am Ufer der Mur. Ohne daß er es wollte, verfiel er in einen leisen Schlummer. Da schien es ihm im Traume, als berühre eine Hand seine Schulter. Er fuhr auf und erblickte einen alten Mann vor sich, von dessen Gesichte ein langer silberfarbiger Bart über das fremde altmodische Gewand herabwallte. Ein Schauer überfiel den Jüngling, aber der rätselhafte Alte ergriff ihn freundlich bei der Hand und deutete, ihm zu folgen. Sie stiegen über allerlei zerfallenes Mauerwerk und endlich über mehrere Stufen in ein unterirdisches Gewölbe, durchschritten mehrere Felsenkeller, deren Wände mit zahlreichen Waffen, als: Schwerter, Lanzen, Pfeile, Beile, Schilder u. dgl., alles aus gelbem Metalle und sehr roh gearbeitet, bedeckt waren, und gelangten endlich in einen Saal, in dem viele Männer, ganz gleich dem unbekannten Führer gekleidet, versammelt waren. Als diese des Jünglings und seines Begleiters ansichtig wurden, begrüßten sie dieselben in einer dem ersteren ganz fremd klingenden Sprache.

Da rüttelte es plötzlich den Jüngling und er wachte auf; das eben Geschehene hatte ihn gar wunderbar erregt, und er wußte nicht, war es Wirklichkeit oder Traum. Doch nein, es war wahr; denn neben ihm im Grase lag ein Häuflein gelber Münzen. Der Wandersmann erblickte in diesem Funde ein gutes Vorzeichen für seine Zukunft; er eilte nach Hause, verweilte hier einige Zeit bei seinen Lieben, zog aber dann bald wieder in die Fremde und in den Krieg, wo er sich Ruhm und Ehre erwarb.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911