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DIE WEIßE FRAU VON FRAUHEIM

Eine Stunde von St. Georgen an der Stiefing entfernt liegt auf einer Anhöhe ein stattliches Schloß, Frauheim genannt, und seit mehr als 200 Jahren Eigentum der Freiherren von Kellersperg. Dieses Schloß soll erbaut worden sein, nachdem die alte, gleichnamige Burg, welche im nahen Schindelgaben gestanden, in Trümmer gefallen war.

Im Schlosse Frauheim soll nun des Nachts zeitweilig die weiße Frau herumwandeln.

Einmal war der Schloßherr mit seiner Frau, Schwester und einem fremden Gaste um die sechste Nachmittagsstunde beim Spieltische, welcher in einem Kabinette neben dem großen Saale stand. Es war gerade die Gebetläutstunde. Da ging plötzlich die Saaltür auf und eine ehrwürdige Frauengestalt in weißem Gewande trat herein. Sie schritt auf einen neben der Tür stehenden Betschemel zu, kniete nieder und versank scheinbar in ein andächtiges Gebet. Nach einer Weile stand die rätselhafte Gestalt, welche niemand kannte, wieder auf, ging auf einen Wandschrank zu, machte eine Handbewegung, als wenn sie etwas hineintäte, und sperrte hierauf wieder den Kasten zu. Sodann aber verschwand sie plötzlich vor den Augen der Spielgesellschaft, welche starr vor Schrecken dagesessen war und dem Tun dieser Erscheinung zugesehen hatte.

Ein andermal saß die Schloßherrin, mit einem Herrn in ein ernstes Gespräch verwickelt, im selben Kabinette. Da erschien die weiße Frau abermals, ging auf den Schreibtisch zu, machte die einzelnen Laden daselbst auf und suchte darin umher. Darauf verschwand sie wieder. Die Schloßherrin sah in den Laden nach, bemerkte aber nicht, daß daraus etwas entnommen oder etwas hineingetan worden wäre.

Nun lebte in der zur Pfarre St. Georgen an der Stiefing gehörigen Gemeinde Badendorf ein armer, aber ehrlicher Bauer. Er war zur Herrschaft Frauheim untertänig, und es ging ihm, da er ohne sein Verschulden in Not und Elend geraten war, so schlecht, daß er nicht einmal die Stift, d. i. die der Herrschaft gebührende Abgabe oder Steuer, bezahlen konnte. Als ihm deshalb gar Pfändung und Verkauf seiner ganzen Wirtschaft angedroht wurde, nahm er sich dies sehr zu Herzen. Er wollte das künftige Elend seiner zahlreichen Familie nicht ferner mehr ansehen und ging deshalb in den waldigen Schindelgraben. Als er dabei an einen sehr finsteren Ort kam und noch einmal seine traurige Lage überdachte, wurde es mit einem Male licht und hell mitten im dunklen Walde. Der Bauer verwunderte sich darüber und schaute umher, was denn dies zu bedeuten habe. Seine Augen fielen dabei auf eine schöne, weiße Frauengestalt, welche ernst durch das schattige Waldesgrün auf ihn zuschritt und ihn holdselig fragte, warum er so traurig sei und ob ihn ein schwerer Kummer drücke.

Dem Bauern deuchte die Erscheinung eine überirdische, es war ihm, als hätte der Himmel in letzter Stunde einen seiner Engel herabgesendet, um ihm Hilfe zu bringen. Die sanften Worte der holden Frauengestalt waren dem Armen entzückende Klänge einer himmlischen Musik; er erzählte der weißen Frau sein ganzes Unglück und auch, wie dasselbe über ihn gekommen war.

Darauf sagte die schöne Gestalt: "Verzage nicht, ich kann dir helfen und werde es auch, denn Gott hat dich und mich hier zusammengeführt! Ich bin die Burgfrau des alten Schlosses, bewohne dieses noch und habe daselbst auch meine Schätze aufbewahrt. Also komm' und folge mir!"

Und sie führte ihn zu einem alten Gemäuer, das er früher niemals hier im Walde bemerkt hatte. Dasselbe hatte eine Tür mit einem sehr alten, verrosteten Vorhängeschloß. Die weiße Frau nahm nun einen großen Schlüssel, den sie an der Seite hängen hatte, sperrte damit das Schloß auf und zeigte ihn dann dem Bauern mit den Worten: "Hier diesen Schlüssel werde ich dir geben, und du magst jedesmal hieher kommen und diese Tür aufsperren, wenn du in Nöten bist und Geld brauchst. Aber sage ja niemandem etwas davon; nicht ein Sterbenswörtchen darfst du verraten, denn sonst ist alles wieder weg und für dich verloren!"

Der Bauer versprach strenges Stillschweigen, und nun traten beide in einen hohen, gewölbten Gang. Es schien dem Bauern, als befände er sich in einem herrlichen Palaste; an den Wänden und an dem Gewölbe glänzte es, als wäre alles hier eitel Gold, Silber und Edelstein. Endlich kamen sie in ein großes Gemach, in dem viele Butten standen, wohlgefüllt mit Gold- und Silbermünzen. Auf Geheiß der schönen Frau steckte nun der Bauer davon so viel zu sich, als er für den ersten Augenblick benötigte, um seine Schulden zu bezahlen und seine Wirtschaft wieder emporbringen zu können. Darauf verließen beide das geheimnisvolle Schloß. Die seltsame Burgfrau versperrte die äußere Tür und gab dann den Schlüssel dem Bauern, ihm nochmals das strengste Stillschweigen gebietend. Dieser wiederholte sein Versprechen, und als er nun der schönen Frauengestalt für ihre Güte danken wollte, war sie auch schon seinen Blicken entschwunden. Er stand wieder wie zuvor im dunklen Walde und nur durch das Gebüsch und Laub der Bäume leuchtete eine ferne Helle herüber.

"War es ein Traum oder nicht?" fragte sich der Bauer und befühlte seine Tasche, aus welcher er blinkende Silbermünzen hervorzog. Er jubelte, daß nun sein Kummer und seine Sorgen ein Ende hätten, und eilte fröhlich heim zum treuen Weibe, zu den lieben Kindlein.

Von da an entrichtete der Bauer seine Stift an die Herrschaft stets mit blanken Silberstücken. Er vermehrte seinen Viehstand, richtete sich sein Häuschen recht wohnlich ein und tat kurz und gut, was nötig, um seine Wirtschaft zu heben. Darob aber verwunderte sich alles, Männlein und Weiblein, im Dorfe und in der Gegend weit und breit umher. Viele gönnten dem braven, ehrlichen Manne, der aus einem armen Keuschler ein wohlhabender Bauer geworden war, dieses Glück recht von Herzen; andere aber beneideten ihn darum und verdächtigten ihn beim herrschaftlichen Pfleger. Diesem und nicht minder seiner Herrschaft war es gleichfalls aufgefallen, daß der Bauer seine Stift seit einiger Zeit sehr regelmäßig und stets nur in blanker Münze entrichtete; man argwohnte, ob er wohl aufrechtlichem Wege zu dem Gelde gelangt sei, und der Pfleger beschied ihn in das Schloß Frauheim und verlangte von ihm das Geständnis, wie und wo er zu den Silberstücken gekommen sei.

Anfangs schwieg der Bauer beharrlich und beteuerte nur, daß er auf rechtliche Weise zu dem Gelde gekommen sei. Aber der Pfleger gab sich damit nicht zufrieden und drohte ihm mit dem Verließe im grauen Turme. Da wurde dem armen Bauern angst und bange, und er erzählte alles haarklein. Nun mußte er den Schlüssel bringen, und den Pfleger wie auch die Herrschaft zur Stelle führen, wo der Schatz sich befinde. Wohl fanden sie das alte Gemäuer, aber keine Tür war mehr da zu sehen. Alles Suchen war vergebens, und enttäuscht begaben sich die Herrschaft und der Pfleger wieder heim.

Der Bauer benötigte den Schatz nicht mehr, er stand sich ohnehin gut. Also konnte er auch ruhig den Schlüssel der Herrschaft überlassen, die ihn für sich behielt und, an einem eisernen Ringe befestigt, in der Kanzlei des Schlosses Frauheim aufbewahrte, wo er noch zu sehen sein soll. Von der alten Burg im Schindelgraben sind keine Spuren mehr zu finden; doch wollen alte Leute wissen, wo selbe gestanden ist, und erzählen, daß es an dieser Stätte recht unheimlich sei, daß man geisterhaftes Lärmen höre und auch schwarze Hunde mit feurigen Augen und verschiedene andere gespenstige Gestalten dort sichtbar werden.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911