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SAGEN AUS DEN TÜRKENKRIEGEN

Als deutsches Grenzland war die Steiermark mehr als fünfundzwanzigmal den Einfällen türkischer Heere oder doch wenigstens einzelner Streifkorps derselben ausgesetzt. Aus dieser Zeit der bittersten Drangsale stammen nun zahlreiche Sagen, deren wichtigste hier erzählt werden sollen.

Die Türken kamen aus Kärnten insgeheim ins Land, drangen in die Kirche von St. Marein bei Neumarkt, ermordeten den Priester am Altare, mißhandelten die Bewohner und verübten zahllose Greueltaten. Glücklicherweise kam den arg bedrängten Einwohnern Hilfe durch eine große Schar tapferer Landleute aus der St. Veiter Gegend und die Türken wurden vertrieben. Diese drangen hierauf in das nahe gelegene Neumarkt ein, besetzten die Tore und verübten auch hier verschiedene Mord- und Übeltaten.

Da soll nun der Postmeister Guganigg zum Fenster hinausgesehen und die phantastischen Trachten der Feinde mit größter Ruhe und ohne alle Zeichen von Angst oder Schrecken betrachtet haben. Die Türken ärgerten sich darüber, warfen grimmige Blicke zum Fenster hinauf, riefen dem Postmeister Drohworte zu, und als sich dieser nicht daran kehrte, spannte ein Janitschar seinen Bogen und jagte demselben den tödlichen Pfeil in die Brust, worauf der Getroffene augenblicklich rücklings tot zu Boden fiel. Lange Zeit danach soll noch an einem der Häuser in Neumarkt das Bild des kühnen Postmeisters, der seine Neugierde mit dem Tode gebüßt hatte, zu sehen gewesen sein.

Ein grimmiger Türke drang auch in die Wohnung des Jammerschusters und befahl dem aus Furcht wie Eschenlaub zitternden Schuhmacher, ihm seine schadhaft gewordene Fußbekleidung auszubessern. Während nun der wilde Mordbrenner auf seine Schuhe wartete, war es den tapferen St. Veitern gelungen, auch in Neumarkt einzudringen und die Türken daraus zu vertreiben, die nun eiligst aus dem Markte flohen, ohne sich um ihren beim Jammerschuster weilenden Kameraden zu bekümmern. Als nun dieser den Abzug der Seinigen gewahrte, wollte er ihnen nacheilen, und wild darüber, daß der Schuhmacher mit der Arbeit noch nicht fertig geworden, hieb er ihn mit seiner scharfen Klinge vom Sessel, so daß der Arme augenblicklich tot zu Boden fiel. Darauf wollte der Türke den Kameraden nacheilen, wurde aber von der über die Ermordung ihres Mannes erbitterten Schuhmachersfrau, welche mit noch mehreren anderen Weibern ihm nachgelaufen, in einem engen Gäßchen eingeholt und mit Ofen- und Mistgabeln erschlagen.

Zur Erinnerung an den letzten in Neumarkt getöteten Türken wurde das Gäßchen in Neumarkt das "Türkengassel" benannt und an der Außenseite des Gasthauses "zum Mohren" ein bemalter Türkenkopf eingemauert.

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Als die Türken ins obere Murtal vorgedrungen waren, durchstreifte auch eine zahlreiche Horde dieser Mordbrenner den Pusterwaldgraben. Da versammelte ein gewisser Mair in Gaßbach die kräftigsten und mutigsten Männer und wollte sich mit ihnen den Türken entgegenstellen. Da aber die Feinde den wackeren Älplern weit überlegen waren und es daher voraussichtlich schien, daß sie unterliegen würden, so richteten die Bauern dort, wo der Graben von steilen Felsen stark eingeengt ist und der Bach mit starkem Gefälle die schmale Schlucht durchbraust, in Eile eine hohe Mauer, welche, von der einen Felsenwand zur anderen reichend, den reißenden Wildbach in seinem Weiterlaufe hemmte. Als nun die Türken durch den Pusterwaldgraben zogen, stießen sie auf die sonderbare Mauer, die ihnen eine Schanze zu sein schien und das weitere Vordringen erschweren sollte. Sie legten deshalb mehrere große Breschen in dieselbe. Diese benahmen der Mauer, welche ohnedies den dahinter angesammelten Fluten kaum mehr Widerstand leistete, allen Halt, und sie stürzte zusammen. Die entfesselten Wasserwogen brausten nun mit rasender Schnelle durch die enge Schlucht, alles mit sich reißend, Türken, Pferde u. s. w. Kein Mann entkam; auch ein türkisches Zeltlager, welches nahe der Einmündung des Pusterwaldgrabens in das Pölstal errichtet worden war, wurde von den reißenden Fluten hinweggeschwemmt. Als sich endlich am darauffolgenden Tage das Wasser allmählich verlaufen hatte, bedeckten zahlreiche Leichname den Erdboden, und auch die Wogen der Mur schwemmten viele Tote fort, die der Pölsbach bei seinem Einflusse in dieselbe mitgeführt hatte. Die in dieser Gegend noch üblichen Bemerkungen "Wehrofen" und "Wehranger" deuten auf diese Begebenheit hin.

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Die Türken hatten mit starker Macht das Städtchen Knittelfeld eingeschlossen, konnten es aber nicht einnehmen. Einzelne größere Haufen gingen nun nach allen Richtungen auf Raub und Plünderungen aus. Eine solche Rotte wollte auch die Friedhofkirche Sankt Johann im Felde plündern und schritt auf dieselbe zu. Als sich jedoch die Türken ihr nahten, verschwand die Kirche plötzlich vor ihren Blicken; dichtes und hohes Gestrüpp umgab das Gotteshaus und entzog dasselbe den Augen der Mordbrenner.

Nun schritten die Türken auf das reiche Stift Seckau los, konnten aber dasselbe gleichfalls nicht finden, ein dichter Nebel hüllte das Kloster und die Kirche ein und schützte so die Klosterbrüder und ihre Schätze vor der Raubsucht der Barbaren. Diese zogen knapp an den Stiftsmauern vorbei und auf Sankt Marein zu. Auch hier wurden sie mehrmals getäuscht, endlich aber gelang es ihnen doch, die Kirche zu finden, die sie ausraubten und plünderten; sie zerhackten das Marienbild, gestalteten das Innere der Kirche zu einem Pferdestall um und hausten schrecklich in der nächsten Nachbarschaft.

Der Ritter von Prank, welcher in einem Gefechte von den Türken verwundet worden war, hatte mit seiner Tochter und vielen alten, gebrechlichen Leuten in seinem, in dieser Gegend gelegenen Schlosse Zuflucht genommen. Dieses erstürmten die Türken und erpreßten großes Lösegeld von den Gefangenen. Gleichzeitig gingen die Kirchen St. Johann in Feistritz und in der Gail in Flammen auf. Schloß Wasserberg wurde von den Barbaren mit Geschützen beschossen, konnte aber seiner Festigkeit wegen nicht eingenommen werden; noch lange danach sollen die türkischen Kanonenkugeln in diesem Schlosse aufbewahrt worden sein.

Während die Feinde ringsum so arg hausten, sammelte ein junger Sensenschmied von Wasserleith eine große Schar wackerer Landleute um sich und griff die Türken an, rieb sie fast gänzlich auf und eroberte das Schloß Prank. Zum Danke für diese Befreiung der Gegend von den Türken wurde dann das malerisch gelegene Kirchlein St. Martha erbaut.

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Als die Christen im Feistritztale mit den Türken kämpften, verrichteten sie Wunder der Tapferkeit, mußten aber schließlich doch der feindlichen Übermacht weichen. Viele christliche Streiter bedeckten das Schlachtfeld, die übrig gebliebenen aber flohen auf die Gebirge und wurden von den blutdürstigen Siegern verfolgt. Einigen Scharen dieser Flüchtigen gelang es, sich zu retten und gar mancher ihnen folgende Türke mußte zur Sühne des Blutbades hier auf den steilen Felsenhöhen unserer heimischen Alpen seine Mordgier und Beutelust mit dem Tode büßen. Schrecklich aber erging es denjenigen, welche von den Feinden ergriffen wurden. Wohl weinten und wimmerten die wehrlosen Schlachtopfer dieser Wüteriche, aber alles Jammern und Bitten war vergeblich; unbarmherzig metzelten die Barbaren ihre Opfer nieder.

So flüchtete sich auch eine Abteilung Christen nach dem erwähnten Kampfe gegen den Zinkenkogel, wurde aber von den nachfolgenden Feinden auf einer flachen Felsenhalde eingeholt und gefangen genommen. Da machten sich nun die Türken ein grausames Vergnügen: sie spannten die Christen vor die Pflüge, welche die Gefangenen hatten aus dem Tale heraufschleppen müssen, und zwangen sie mit Peitschen- und Säbelhieben, den harten, felsigen Grund zu durchfurchen. Nach dieser Quälerei führten dann die Türken ihre Opfer auf eine gegenüber liegende Alpe, ließen sie von dieser Alpe aus ihre Arbeit beschauen und säbelten schließlich alle nieder.

Noch sind auf jener felsigen Fläche, welche die Christen zu pflügen gezwungen waren, die von dieser Quälerei herrührenden Furchen ersichtlich, und das Volk nennt diese Stelle das "Türkenfeld"; wenn, so erzählen sich die Bewohner der dortigen Gegend, die Furchen ausgeglichen sind, kommen die Türken wieder. Die gegenüber liegende Stätte aber, auf der die gräßliche Metzelei stattgefunden hatte, heißt der "Blutsattel".

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Heuschrecken hatten die Saatfelder zerstört; darauf kam der Türke ins Land und hauste am Murboden gar schrecklich. Es entstand eine große Hungersnot, so daß die Leute Baumrinde statt des Brotes essen mußten. Die Bewohner von St. Benedikten gelobten, wenn sie von all dem Ungemach befreit würden, eine mehrere Zentner schwere Wachskerze zu opfern. Später aber waren sie in ihrer Armut nicht imstande, eine so schwere Kerze anzuschaffen, und ließen es mit der Nachahmung begnügen, indem sie eine lange Stange mit einem Wachsstocke spindelförmig überzogen.

Als nun einige Zeit danach die Türken wieder in die Gegend kamen und in der Kirche St. Benedikten die merkwürdige Kerze sahen, nahmen sie diese weg und vertauschten sie mit einer mit Pulver gefüllten Blechröhre; sie glaubten nämlich, die Bewohner würden diesen Tausch nicht merken und die Kerze würde, wenn angezündet, explodieren und die Kirche mitsamt den Andächtigen in die Luft sprengen. Zum Glück jedoch wurde dieser Anschlag rechtzeitig entdeckt.

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Nach der ersten Belagerung der Hauptstadt Wien durch die Türken drang eine Schar derselben bis in die Gegend von Mariazell vor. Die Feinde waren in der Meinung, sich dort einen großen Kirchenschatz zu holen. Als sie bis zur Säule vorgedrungen waren, welche gleich außerhalb des Marktes auf der Wienerstraße steht, rannte der türkische Anführer heftig gegen die Säule an, um das darauf befindliche Marienbild herabzustürzen; aber er mußte zweimal zurückweichen, und als er das drittemal und mit größerer Gewalt den Anlauf nahm, wurden seine Augen ganz geblendet und er fiel vom Pferde. Darüber erschraken die Türken sehr und wichen zurück.

Zur selbigen Zeit sahen man über der Kirche eine schöne, glänzende Krone schweben. Des anderen Tages kam eine weit größere Türkenschar in die Gegend und legte alle Häuser des Marktes in Asche; nur. der Kirche selbst konnten die Feinde nichts antun. Wohl versuchten sie es, mittelst brennenden Pfeilen das Dach der berühmten Wallfahrtskirche in Brand zu stecken, doch blieben ihre verruchten Bemühungen vergeblich; die Pfeile allein verbrannten, das Dach jedoch blieb unversehrt. Bald darauf wurden die türkischen Mordbrenner im sogenannten Neuwald von den Christen angegriffen und sämtlich getötet.

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Als die Türken aus Niederösterreich in das Mürztal kamen, drang ein großer Haufe derselben auf der von Krieglach südöstlich nach St. Kathrein am Hauenstein und dann weiter südlich in das steirische Mittelland führenden Straße bis auf die Rattenalpe vor. Hier hatten die Bewohner zum Schutze gegen die Feinde einen Steinwall aufgeführt, der noch jetzt den Namen "Türkenschanze" trägt. Als die Türken bis zu diesem Walle gelangt waren, konnten sie nicht mehr weiter. Sie sahen vor sich ein großes Meer, das ihnen jedes Vordringen verwehrte. Gegenüber aber stand die hl. Katharina, zu welcher als ihrer Pfarrpatronin die Bewohner ihre Fürbitte genommen hatten, mit dem blitzenden Schwerte und schlug die Feinde mit Blindheit, so daß sie anstatt der Gegend das große Meer sahen. Als dann die Türken abgezogen waren, nahm die Heilige ihren inzwischen leer gewesenen Platz auf dem Altare in der Kirche wieder ein.

Noch zeigt man die Stätte, wo die heilige Kämpferin gestanden und die große Feindesgefahr abgewehrt hatte. Es liegt da ein großer Stein, in welchem zwei von der hl. Katharina herrührende Fußtritte eingeprägt erscheinen, und diese Vertiefungen enthalten, ohne irgend einen Zufluß zu haben, stets, und zwar selbst in der trockensten Sommerszeit, Wasser, welches sehr heilkräftig sein soll.

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Im Jahre 1529 berannte ein türkisches Streifkorps die Stadt Hartberg. Schon hatte ein Muselmann die Ringmauer erstiegen und erhob seine Fahne zum Zeichen der Bezwingung des Städtchens, als ein ebenfalls zur Verteidigung ausgerückter Bäckerjunge eine zerbrochene Silbermünze, die er zufällig bei sich in der Tasche hatte, in Ermangelung einer Kugel in seine Büchse lud, diese dann auf den Türken anlegte und losfeuerte. Der Muselmann stürzte rücklings über die Mauer zurück in den Garten, die Fahne aber fiel nach innen in die Stadt; sie wurde dann sorgfältig aufbewahrt und später alljährlich bei feierlichen Umzügen herumgetragen.

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Knapp unter dem Dache des gräflich Saurauschen Hauses in der oberen Sporgasse in Graz sieht aus einer Luke das hölzerne, bemalte Bildnis eines Türken mit Schild und Schwert heraus. In diesem Hause wohnte im Jahre 1532 der Befehlshaber des türkischen Heeres, Ibrahim Pascha, und leitete daselbst die Belagerung des Schloßberges. Als der Pascha eines Tages mit seinen Offizieren an der Tafel saß, richtete einer der Kanoniere auf dem Schloßberge sein Geschütz gerade auf die vor Ibrahim stehende Schüssel; die Kugel flog in den Saal und riß den Braten aus der Schüssel. Über dieses außerordentliche Bravourstück des steirischen Kanoniers erschrocken, hob der Pascha alsbald die Belagerung auf und verließ mit seinem Heere die Landeshauptstadt. Und zum Andenken an diese Begebenheit wurde dann obiges Bildnis angefertigt; es soll einen türkischen Offizier darstellen, der dem ihm vor der Nase weggeschossenen Braten nachspringen oder doch wenigstens nachsehen wollte, wohin derselbe geflogen sei.

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Ein türkischer Heerführer hatte die Absicht, die Kirche in Jagerberg zu zerstören. Als seine Schar den Befehl ausführen wollte, erblindete der Pascha plötzlich; er konnte sonderbarerweise nur in der Richtung gegen St. Stefan im Rosentale, sonst aber nach keiner anderen Seite hin etwas sehen. Darüber wütend, stürmte er mit seinen Leuten nach St. Stefan, aber kaum daß er hier angelangt war, verlor er auch schon sein Augenlicht gänzlich. Da erkannte der Befehlshaber darin die Strafe Gottes und gelobte, wenn er wieder sehend würde, der Kirche in St. Stefan ein goldenes Hufeisen, der Kirche in Jagerberg aber eine goldene Monstranze zu spenden. Auf dieses Gelübde hin erhielt der türkische Befehlshaber sein Augenlicht wieder und er erfüllte auch treulich sein gemachtes Versprechen.

Ähnliche Sagen von der Erblindung türkischer Anführer, welche Gotteshäuser entweihen oder zerstören wollten und infolge gemachter Versprechen, goldene Hufeisen opfern zu wollen, wieder sehend wurden, knüpfen sich auch an die St. Georgs-Kapelle bei Stainz, an die Kirche St. Leonhard am Radl u. a. O.

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Als die Türken nach Leibnitz kamen, verwüsteten sie diesen Markt mit Feuer und Schwert. Da nun die Bewohner sich hinter die schützenden Mauern des wohlbefestigten Schlosses Seggau geflüchtet hatten, drangen ihnen die Türken auch dorthin nach und stürmten die Schanzen, wurden aber immer wieder zurückgeschlagen. Damals erschien nun am Seggauerberge bei einer großen Linde die heilige Muttergottes mit dem Jesukindlein auf dem Arme und weinte. Unter ihrem Schutze erfochten dann die Christen einen glänzenden Sieg über die Feinde. Zur schuldigen Danksagung wurde auf dem Seggauerberge im Dunkel eines Buchenwaldes die Kapelle Maria auf der Linde erbaut und darin die wunderbare Begebenheit dargestellt.

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Unter die Ortschaften, welche ziemlich oft von den Einfällen der Türken heimgesucht worden, gehört Straden, das mit starken Mauern umgeben war. Da flüchteten sich auch die Bewohner der umliegenden Ortschaften, wenn sie sich in ihren Weingartenhäusern oder in den Wäldern des Hochstradnerkogels nicht sicher genug fühlten, mitsamt ihren Habseligkeiten hinter die schützenden Mauern und halfen diese mit verteidigen. Außerhalb von Straden stand auf einer Halde noch bis vor wenigen Jahrzehnten eine mächtige Eiche, um welche herum die Türken ihre Lager aufgeschlagen hatten; hier soll auch, wie dies im gräflich Saurauschen Palaste in Graz der Fall gewesen, dem feindlichen Anführer der Braten aus der Schüssel geschossen worden sein.

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Als eine türkische Streifschar nach St. Leonhard in Windischbüheln kam, dessen Bewohner sich geflüchtet hatten, stieg ein Moslem den Kirchturm hinan und fand in demselben eine Glocke ohne Zunge. Da gewahrte er einen kleinen Knaben, der bei der allgemeinen Flucht vermutlich vergessen worden war und sich in einem Winkel des Turmes verkrochen hatte. Ein schrecklicher, abscheulicher Gedanke durchzuckte den Mordbrenner; er band dem Knaben die Füße zusammen, knüpfte ihn dann anstatt des Klöppels in die Glocke und setzte diese in Bewegung. Das arme, unschuldige Kind wimmerte vor Schmerzen und seine Knochen zerschellten an der Erzwand. Und als der Knabe eine Leiche war, wollte der blutgierige Türke die Glocke zur Ruhe bringen. Aber siehe da! sie stand nicht stille, sondern läutete fort und fort und weckte die Vergelter nah und fern im Wendenlande. Sie kamen und rächten furchtbar die zahlreichen Frevel der Feinde; und erst, als der schreckliche Mörder des armen, unschuldigen Knaben als der letzte unter ihren blutigen Streichen niedersank, begann die Glocke stillezustehen.

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Die vor Wien geschlagenen Türken trafen bei Marburg mit einer anderen Horde zusammen, die aus Kroatien verheerend in die Steiermark eingebrochen war. Alle die vielen Ortschaften um die Stadt gingen in Flammen auf und die weite Ebene ringsum wimmelte von den bunten, abenteuerlichen Gestalten der Feinde. Da der Regen in Strömen niederfloß, als wären alle Schleusen des Himmels offen, sahen sich die Türken gezwungen, für sich und ihre Tiere Baracken zu bauen. Dann aber rüsteten sie sich zur Erstürmung Marburgs. Angriff auf Angriff erfolgte, jedoch immer wieder wurden die Stürmenden von den Verteidigern der befestigten Stadt zurückgeworfen. In unabsehbaren Reihen rückten sie unter wildem Allahgeschrei vorwärts, nicht achtend des heftigen Feuers der Geschütze, deren Kugeln gräßlich in den dichten Haufen wüteten und die Stürmenden zu Hunderten niederstreckten. Immer wieder schlossen sich mit kalter Todesverachtung die Glieder. Mit einem Pfeilhagel überschütteten sie die auf den Mauern heldenmütig kämpfenden Verteidiger und warfen sich, Ameisen gleich, einer über den anderen in die Gräben. Gleichzeitig pflanzten sie auf den Leichen ihrer gefallenen Brüder die Sturmleitern auf und versuchten mit verzweifelten Anstrengungen, die Mauern zu erklimmen.

Aber hier standen ihnen Männer entgegen, schlichte Bürger zwar und des Kampfes ungewohnt, aber in heiliger Begeisterung mit Gott für Kaiser und Vaterland zu kämpfen entschlossen. Ihre mit gehacktem Eisen geladenen Kanonen bestrichen die Sturmleitern und wutschäumend stürzten von denselben die Feinde hinab in die mit Wasser gefüllten Gräben. Herabgewälzte Steine rissen ganze Glieder in den Tod; siedendes Wasser und brennendes Pech überschütteten die Andringenden und der Sturmwind verbreitete die Flammen durch die weiten Gewänder der Türken. Knirschend gaben die Ungläubigen ihre halb errungenen Vorteile auf und zogen sich heulend von den Mauern und Gräben zurück.

Dieses gräßliche Schauspielwiederholte sich mehrere Tage hindurch. Nicht achtend der Gefahren des hundertgestaltigen Todes, der hier reiche Ernte hielt, standen Marburgs Verteidiger fest auf den Mauern, jeder einzelne ein Held. Die Türken schleuderten brennende Pechkränze in die Stadt und bald brannten einzelne Häuser; aber es gelang den Bürgern, dem gefräßigen Elemente Einhalt zu tun.

Aufgebracht über den hartnäckigen Widerstand, beschlossen die Türken, einen letzten Sturm auf die Stadt zu unternehmen; sie konnten nicht länger Marburg belagern, denn die Drau begann infolge der andauernden Regengüsse aus ihren Ufern zu treten und die Ebene unter Wasser zu setzen. Gleich einem Wogenmeere rannten die Feinde gegen die bedrängte Stadt, aber die verzweifelten Sturmversuche der Feinde brachen sich an dem Heldenmute der Verteidiger.

Immer wilder wurde der Angriff, immer zahlreicher wälzten sich neue Scharen heran, als wüchsen sie aus der blutgetränkten Erde. Der Untergang der Stadt schien unvermeidlich, doch schon nahte die Rettung.

Ein kaiserlicher Offizier, ein gebürtiger Marburger, wollte seine Vaterstadt entsetzen. Er kam mit seinem Häuflein Reiter von Wien und da er zu schwach war, die Türken mit Erfolg anzugreifen, so suchte er auf verborgenen Waldwegen dem Feinde in den Rücken zu kommen und öffnete die Schleusen der vom Regen und Bergwasser überfüllten drei Teiche.

Schon hatte in der belagerten Stadt das letzte Notzeichen bereits die zarten Frauen und Kinder auf die Wälle berufen, da brauste aus der nördlichen Bergschlucht ein dumpfes Rauschen hervor und trübe, braune Wogen wälzten sich über die Ebene. Zelte, Baracken und zahlreiche Leichen schwammen auf dem Wasser. Jetzt ließen die abergläubischen Feinde vom Sturme ab und suchten ihr Heil in der Flucht.

Die Verwirrung im türkischen Lager hatte den höchsten Punkt erreicht. Da jagten geharnischte Reiter in geschlossenen Reihen gegen die Feinde, welche alle ihre Geschütze im Stiche ließen und gegen Wildhaus flohen; es waren Verteidiger Wiens, die nun der bedrängten Stadt Marburg zu Hilfe gekommen waren. Mit den befreiten Bürgern, welche einen Ausfall machten, vereinigt, fielen sie über die fliehenden Barbaren her. Ein gräßliches Gemetzel entstand, und das verlaufende Wasser färbte sich mit dem Blute der Erschlagenen. Die Türken fanden ihre Rächer: alle, die dem Schwerte entgingen, fanden den Tod in den Wogen der Drau.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911