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SAGEN VON FEINDLICHEN BRÜDERN

Uralt ist die Geschichte vom Bruderhaß. Schon die heilige Schrift erzählt, daß sich Kain gegen seinen Bruder Abel erhob und ihn totschlug. Auch die steirische Volkssage weiß viel von feindlichen Brüdern zu erzählen, und so sollen einige dieser Sagen hier mitgeteilt werden.

Eine halbe Stunde von der Eisenbahnstation Judendorf ober Graz erhebt sich auf der Spitze eines Berges stolz das gewaltige Schloß Plankenwart, das eigentlich aus zwei voneinander getrennten Gebäuden besteht, von denen das eine das eigentliche Stammschloß der Herren von Plankenwart ist, das letztere aber die sogenannte Ludwigsburg genannt wird.

Die zwei letzten dieses Adelsgeschlechtes teilten das väterliche Erbe unter sich. Der ältere der beiden Brüder war schon von Natur aus sehr rauh und bösartig und suchte stets Streit und Händel mit seinem jüngeren sanften Bruder Ludwig, welcher sich das nach ihm benannte Schloß am Fuße des Berges erbaute. Ritter Ludwig benahm sich gegen seine Untergebenen und Untertanen sehr milde und freundlich und gewann durch solches leutseliges Betragen sich auch deren vollste Liebe und Anhänglichkeit. Darüber wurde sein bösartiger Bruder, welcher im oberen Schlosse hauste und ohne alle Rücksicht die Bauern sehr drückte und mit Roboten und Abgaben plagte, und sie auch sonst mit großer Härte und Grausamkeit behandelte, nur noch mehr erbittert. Er haßte nun seinen jüngeren Bruder desto mehr, und als er ihn einst an einem Fenster des unteren Schlosses stehen sah, griff er nach seiner Armbrust und jagte den tödlichen Bolzen in die Brust Ludwigs, welcher auf der Stelle rücklings tot zu Boden fiel.

Die Kunde von diesem gräßlichen Brudermorde verbreitete sich mit großer Schnelligkeit unter den Untertanen des ermordeten Ritters. Den Tod ihres geliebten Herrn aufrichtig betrauernd, beschlossen sie, den Brudermörder für sein ungeheures Verbrechen zu bestrafen. Die Bauern bewaffneten sich in der Eile mit Prügeln, Stöcken und Planken, die sie von den Zäunen losrissen, stürmten in großen Haufen den Berg hinan und belagerten das Schloß. Der böse Ritter, welcher sich auf seine Knappen und Knechte verlassen zu können glaubte, spottete der so bewaffneten Bauernscharen und rief denselben drohend zu: „Ihr mit den Planken wartet!" Aber die Verteidiger, welche den Schloßherrn wegen seiner Härte und Grausamkeit im Stillen haßten, setzten den heranstürmenden Bauern nur scheinbaren Widerstand entgegen.

Die Burg wurde erobert und der Brudermörder von den erbitterten Landleuten mit Prügeln und Planken getötet.

Seitdem wurde das obere Schloß "Plankenwart", das untere aber "Ludwigsburg" oder kurzweg der "Ludwig" genannt.

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An Stelle des neuen Schlosses Puchs im oberen Murtale standen in früherer Zeit zwei, durch einen Schwebegang miteinander verbundene Schlösser, welche von zwei einander feindlich gesinnten Brüdern bewohnt wurden. Einst betraten die beiden Ritter fast gleichzeitig den Schwebegang. Als einer des andern ansichtig wurde, entspann sich ein hitziges Wortgefecht, sodann ergriffen sie ihre Schwerter und rannten sie sich gegenseitig in die Brust, so daß beide alsogleich tot zusammenfielen und über die Brücke, welche ohne Geländer war, in die Tiefe stürzten.

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Auch an das alte Schloß Schielleiten, dessen Ruinen unweit von Stubenberg stehen, knüpft sich die Sage von zwei feindlichen Brüdern, den Letzten ihres Geschlechtes, welche ganz entgegengesetzter Gemütsart gewesen. Der ältere Ritter von Schielleiten haßte seinen jüngeren Bruder tödlich und ließ demselben auf eine grausame Weise das Leben nehmen. Nach vollbrachter Schreckenstat erwachten in dem Brudermörder die heftigsten Gewissensbisse, und um seine schwere Schuld zu sühnen, schenkte er das Stammschloß Schielleiten den Tempelrittern und zog im rauhen Büßergewande ins Heilige Land.

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In der Schloßkapelle zu Reichenburg an der Save werden zwei Totenköpfe aufbewahrt, welche beide Schußwunden aufweisen. Die Sage erzählt, daß zwei Brüder von Reichenburg, deren einer das obere noch bestehende, der andere aber das am Fuße des Berges gelegene, beim Bahnbau im Jahre 1855 demolierte Schloß bewohnte, sich spinnefeind waren und eines Tages, als sie sich gegenseitig an einem Fenster ihrer Burg erblickten, aufeinander gleichzeitig Feuer gaben. Wenn man des Abends ihre Köpfe in der Schloßkapelle gegeneinander kehrte, so fand man sie stets am nächsten Morgen wieder voneinander abgewendet.

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Bevor Riegersburg, die größte und interessanteste Burg im Steirerlande, von der Freifrau Katharina Elisabeth von Galler in ihrer jetzigen Gestalt erbaut wurde, bestand dieselbe aus zwei Schlössern, dem westlichen Lichtenegg und dem nördlichen Kronegg, welche von einem ritterlichen Brüderpaare bewohnt wurden. Der ältere und sanftere der Brüder besaß das letztere Schloß, während das erstere dem jüngeren gehörte. Beide haßten und neckten sich auf alle mögliche Weise. Wenn der Herr von Kronegg in das Tal hinuntergehen wollte, mußte er die Burg des Lichteneggers passieren, was ihm aber der jüngere Bruder häufig verweigerte; ja selbst das Wasser, welches die Dienstmannen auf Kronegg in Ermangelung eines Brunnens daselbst holen mußten, wurde ihnen versagt, weshalb dort oft größte Not herrschte. Daließ nun der ältere Bruder durch Leibeigene und Gefangene einen Saumweg in den Felsen hauen, auf welchem nun mittels Mauleseln alles hinaufgeschleppt wurde, was man auf Kronegg brauchte.

Noch ist dieser Pfad, welcher das Erstaunen aller Besucher der Riegersburg erregt, zu sehen und heißt der "Eselssteig".

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Auch das Schlößchen Prank bei St. Marein in Obersteier hat seine Sage von den feindlichen Brüdern. Dasselbe besteht aus zwei durch Gänge verbundene, aber durch eine gewaltige Mauer getrennte Bauten, welche als das Werk zweier Brüder aus deni um das Vaterland hochverdienten Geschlechte der Ritter von Prank bezeichnet werden, und deren jeder in seinem abgesonderten Flügel hauste.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911