Der Schatz unter der Brücke

Unter der Volderser Brücke neben dem Servitenkloster, die einst so heiße Kämpfe sah, lag vorzeiten ein reicher, großer Schatz. Da kam ein Venedigermandl des Weges daher und fand den Schatz in seinem Versteck, denn es war ein arger Schwarzkünstler, wie die Venediger alle. Er hatte sich aber schon an ändern Orten für diesmal so viele Schätze aufgeladen, daß er unmöglich noch mehr auf seinen Schultern fortschleppen konnte. Er versenkte daher den Schatz noch tiefer mit folgendem Bannspruch:

Wer da diesen Schatz will heben,
Muß sich einen Geißbock kaufen,
Sieben Jahr ihm Hafer geben,
Mit ihm übern Schatz dann laufen.

Das hörten die Handwerksburschen, Schneiderlein ihres Zeichens, die im Schatten eines grünen Gebüsches ihre müden Glieder ausgestreckt hatten. Die drei Gesellen kauften sich nach einiger Zeit einen dürren Geißbock, fütterten ihn durch sieben Jahre auf gemeinsame Kosten mit Hafer und sprangen dann mit dem gemästeten Bock über die Stelle, wo der gebannte Schatz lag. In demselben Augenblicke wurde dieser auch wirklich von seinem Zauber befreit und lag offen zutage. Nun teilten ihn endlich die drei Schneiderlein unter sich und eilten voll Jubel in die große, weite Welt, die ihnen nun noch schöner vorkam.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 99