Die weiße Frau in der Dornauklamm

Nicht weit von Mairhofen bildet der Zemmgrund eine großartige Schlucht, wie sie wohl nicht leicht ein Thal auszuweisen hat; am rechten Ufer des Baches erheben sich himmelhohe Felswände, während sich am linken ein mit Steinblöcken wie übersäter Hochwald vom Grünberg herabsenkt. In der tiefe aber stürzt sich der Zemmbach über die seinen Lauf hemmenden Felstrümmer und erfüllt die Klamm mit betäubenden Getöse.

Bei nacht ist der Weg durch diese Schlucht schon wegen des Teufelsspukes nicht geheuer und die Zillerthaler wissen davon mehr als ein Liedchen zu singen.

An einem Novemberabende saßen im Gasthaus zum "Stern" in Mairhofen einige Zecher. Da es schon spät geworden war, erklärte einer von ihnen, er müsse noch heute nach Seperlehen (einem Gehöft im Zemmgrund) gehen. Es fehlte nicht an Vorstellungen, daß ihm zu dieser späten Stunde etwas zustoßen könnte. Allein der betreffende erklärte, er müsse gehen und wenn auf jedem Stein Einer hockte. Sprach's und gieng. Kaum hatte er aber das Kinthal hinter sich, als durch den Wals herunter eine wunderschöne, weiß gekleidete Frau kam und ohne ein Wort zu sprechen, sich ihm zugesellte. Die linke Hand legte sie auf seine Schulter und war sichtlich bemüht, den Erschrockenen vom Wege ab, in den tosenden Zemmbach hinunterzudrängen. Doch der Mann hielt tapfer Stand. Als er endlich den Karlsteg erreicht hatte, blieb die geheimnisvolle Frau zurück. Der Bauer aber rannte nach seinem anwesen Seperlehen und wie er dort ankam, hieng an jedem Haar ein Schweißtropfen.

Ein anderesmal giengen zwei Burschen jenen Weg Ginzling zu. Eine kurze Strecke hinter dem Farlsteg beobachteten sie bei etwas Mondschein eine schlanke, in weiße Gewänder gehüllte Frauengestalt, die in einiger Entfernung vor ihnen hergieng und zwar immer in gleichen Abstand, ob sie ihr schneller oder langsamer folgten. Da regte sich die Neugierde der Burschen derart, daß sie durch schnelles Laufen die Frau zu erreichen suchten. So kamen sie bis zur Mühle in der Nähe der Aste Saustein. Dort schlüpfte die Gestalt hinein und die Burschen sprangen ihr nach. Als aber der eine die Frau im Dunkeln erfaßt hatte, schrie er entsetzt:

"Nar z'rügg'n, nar z'rügg'n,
Se hot an höhl'n Rügg'n!"

Nun wußten sie, mit wem sie es zu thun hatte, und suchten eiligst das Weite.


Quelle: Sagen aus Innsbruck's Umgebung, mit besonderer Berücksichtigung des Zillerthales. Gesammelt und herausgegeben von Adolf Ferdinand Dörler, Innsbruck 1895, Nr. 81.