DER HORNBLÄSER AUF DER HAUSER WIESE

Auf der Hauser Wiese, welche sich an der Berglehne oberhalb des Weilers Haus von ausgedehnten Waldungen umgeben ausbreitet, hielt sich einst ein Wichtl auf, das so meisterhaft das Horn zu blasen verstand, wie niemand im ganzen Zillerthale. Besonders gerne ließ es sich an ruhigen mondhellen Nächten hören, und die Bewohner des Weilers Haus lauschten dann entzückt den melodischen Klängen.

Als man es aber einmal längere Zeit nicht mehr blasen hörte, stiegen einige Burschen zur Wiese empor, um das Manndl aufzusuchen und zu nachzusehen, ob ihm vielleicht etwas zugestoßen sei. Sie fanden aber das kleine "Letarl" frisch und wohlauf.

Von nun an erschien es jede Nacht in einem Hause des genannten Weilers und schreckte bald alles durch ein fürchterliches Gepolter aus dem Schlafe, bald steckte es den Kopf einer Kuh durch das kleine Stallfensterl hinaus, daß man ihn nur mit Mühe zurückzwängen konnte. So triebs dieser Störenfried lange Zeit hindurch und man rieth vergebens hin und her, wie man ihn loswerden könnte. Da kam die Bäurin auf den Einfall, abends recht viele Eierschalen auf den Herd zu legen. Dies that sie auch und verbarg sich dann in einer Ecke der Küche. Als das Wichtl nachts herein kam und die vielen Eierschalen auf dem Herde erblickte, reif es verwundert aus:


"I woaß iatz d'Hauser Wies
Noi möl Wold und noi möl Wies.
ober söv'l Hiferlang und Haferlang
hun i nö nindacht g'sech'n,"

lief zur Thüre hinaus und niemand hat es mehr gesehen oder Hornblasen gehört.


Quelle: Sagen aus Innsbruck's Umgebung, mit besonderer Berücksichtigung des Zillerthales. Gesammelt und herausgegeben von Adolf Ferdinand Dörler, Innsbruck 1895, Nr 14, Seite 12f.