DER STEIN IM PENKENWALD

Schon von weitem grüßt das Kirchlein St. Pankrazberg auf Kleinboden von freier Anhöhe über dem Tal. Auf dem Weg dahin geht es durch den Penkenwald, wo sich vor Zeiten Grausiges zugetragen hat.

St. Pankraz,, Nordansicht
Filialkirche St. Pankraz, Fügenberg, Zillertal
Nordansicht

© Berit Mrugalska, 5. September 2004

Es war mitten im Sommer und der Kornschnitt im Gang. Ein Bauer hatte sich dazu zwei Mägde angestellt, Taglöhnerinnen, wie sie auf dem Land in früherer Zeit gang und gäbe waren. Von diesen arbeitete eine sehr fleißig, während sich die andere nur ungern bückte. So hatte sie am Abend auch nur einen kleinen Fleck geschnitten, während ihre Gesellin eine weite Fläche abgearbeitet hatte. Dementsprechend war der Lohn: Die Fleißige erhielt vom Bauern einen ganzen Laib Brot, die Faule nur ein kleines Stück.

Auf dem Heimweg müssten die beiden den Penkenwald durchqueren. Die Dämmerung war angebrochen, und zwischen den Bäumen breitete sich schon die Dunkelheit aus. Da kam plötzlich der Neid über die faule Dirn, die der fleißigen den Lohn missgönnte. Sie begann einen Streit, und da die andere den Laib Brot nicht freiwillig mit ihr teilen wollte, schlug sie die Widerspenstige kurzerhand mit der Sichel nieder. Im Fallen jedoch schlang die Getroffene einen Arm um ihre Widersacherin und zog sie zu Boden. Dabei fiel die böse Magd so unglücklich, dass sie sich mit ihrer eigenen Sichel den Tod gab. Am nächsten Morgen fand man die Leichen und verscharrte sie hinter der alten Friedhofsmauer.

Einen Tag später lag an der Stelle der grauenhaften Tat eine Steinplatte, die zuvor niemandem aufgefallen war. Am folgenden Tag lag sie an einer anderen Stelle im Wald, dann wieder an einem dritten Ort, und so wandert die Platte heute noch, bald ist sie da, bald dort zu finden. Nie jedoch hat ein Mensch den Stein nass gesehen, mag es auch in Strömen regnen. Die Leute meinen, es klebe Blut an ihm, und selbst der Regen scheue sich, es abzuwaschen.

Quelle: Hifalan & Hafalan, Sagen aus dem Zillertal, Erich Hupfauf, Hall in Tirol, 2000, S. 18